Norbert regt sich auf vom 21.3.

 

über

WIR SIND ST. PAULI!

Fazit

Wir sind St. Pauli, nicht Sie, Herr Littmann. Wir sind St. Pauli! Wir lieben diesen Verein, geben für diesen Verein unsere Freizeit, unser Geld und häufig genug auch unsere Gesundheit her. Wir sind St. Pauli und nicht Sie, Herr Littmann. Wir sind nicht homogen und häufig genug anderer Meinung über alles, aber wir akzeptieren uns und können zusammen feiern und zusammen mit diesem Verein leiden. Wir sind St. Pauli, nicht Sie, Herr Littmann. Wir wollen keine Öffentlichkeit, keinen Ruhm und die meisten von uns wollen nicht einmal irgendwelche Macht oder Ämter. Sie wollen einfach Fussballfans sein. Wir sind St. Pauli, nicht Sie, Herr Littmann. Sie haben gesagt, Sie sind ein Präsident der Fans, handeln Sie nach dieser Aussage und treten Sie umgehend zurück. Denn Sie haben es geschafft, Fans öffentlich zu diskreditieren, die Ihnen und auch dem Verein nicht geschadet haben und Sie haben es geschafft, die Institution des Fanladens nachhaltig und vollständig zu beschädigen. Wir sind St. Pauli! Nicht Sie, Herr Littmann.

Die Vorgeschichte

Letztes Wochenende brannten im Stadion des Lokalrivalen Sitze. Angezündet von irgendwelchen Idioten. Diese zählten sich selbst zu USP. Die Gruppe handelte konsequent, mutig und deutlich, indem sie bei ihrer nächsten Sitzung beschloss, diese Leute auszuschliessen, alle Verbote gegen diese Personen zu akzeptieren und öffentlich die Verantwortung zu übernehmen und sich zu entschuldigen. Dies kann man nur mit dem äussersten Respekt zur Kenntnis nehmen. Angeblich waren die Personen auch bereits von den Ordnungshütern identifiziert und sollten nun Stadionverbote bekommen und entsprechend rechtlich belangt werden. Komplett in Ordnung und vollkommen richtig.

Nur anscheinend zeigt sich wieder, dass Überwachungskameras eben doch nicht so tolle Bilder liefern oder das die Polizei eben doch nicht so den Plan hat. Denn diese Leute waren laut Aussage mehrerer Zeugen gestern im Stadion und haben sich in aller Seelenruhe das Spiel angesehen.

Nicht im Stadion waren aber Leute, die absolut nix mit diesen Vorfällen zu tun gehabt haben. Ihre einzige Verbindung zu diesen Vorfällen war, dass sie in der gleichen Gruppe waren. Ihr einziges Vergehen war, dass sie irgendwann in der Vergangenheit bei der Polizei auffällig geworden sind. Dies nahm unser Präsidium in Person von Herrn Littmann zum Anlass auf Druck der Polizei gegen sechs Personen Stadionverbot auszusprechen. Kein bundesweites, sondern heimspielbezogen bis zum Ende der Saison. Dies natürlich am Freitag vor dem Spiel, damit auch ja die organisierten Fans sich nicht gross dagegen organisieren konnten.

Nochmal: Die Leute, die betroffen sind, sind garantiert keine Unschuldsengel und haben sich auch mal was zu schulden gekommen lassen. Aber zumindest bei denen, die ich persönlich kenne, ist schon seit langem ein Reflexionsprozess und eine deutliche Besserung zu erkennen.

Kurz: Die Stadionverbote waren willkürlich, hätten jeden aus der Fanszene treffen können und waren nur, um der Meute irgendwelche Schuldigen zum Frass vorzuwerfen, weil man eben keine Schuldigen hatte, denen man das nachweisen kann. Ein Schelm, der hier irgendwie Vergleiche zur Politik zieht.

Nochmal: Diese Stadionverbote hätten jeden treffen können! Man stelle sich nur vor, die Täter wären Mitglied der Passanten gewesen. Dann hätten jetzt wahrscheinlich die führenden Köpfe der Passanten Stadionverbot, weil sie eben namentlich bekannt sind und schnell zu ermitteln. Und die wahren Täter würden sich wahrscheinlich noch ins Fäustchen lachen.

Zum Sachverhalt machen die wildesten Gerüchte die Runde, die ich nicht bestätigen kann, die ich aber trotzdem gerne weitergeben möchte. Angeblich soll das ganze über den Kopf der zuständigen Mitarbeiter des Vereines direkt vom Präsidium entschieden worden sein. Angeblich soll Leuten mit Konsequenzen gedroht worden sein, wenn sie dies nicht mittragen. Alleine dies zeigt für mich, dass man nicht mehr sachlich überzeugen konnte, sondern ausschliesslich mit Drohungen seinen Willen durchsetzen konnte.

Die Reaktion

Die mit viel Aufwand geplante und hergestellte Choreo war bereits der Leistung von der Vorwoche zum Opfer gefallen. Trotzdem ging man eigentlich relativ gut gelaunt Richtung Fanladen. Hatte man doch nach dem Spiel eigentlich vor, die Kneipe "Grüner Jäger" zu testen und wollte man dann doch noch auf ein Konzert (nein, nicht Lotto), um dann am Kickertisch des Jollys zu versacken. Natürlich hatte man zu diesem Zeitpunkt noch nix von den Stadionverboten mitbekommen und kam so ahnungslos in einen Fanladen, der unter Schock stand. Erst ein paar Gespräche klärten den obigen Sachverhalt und machten meine gesamte Laune kaputt. Der Fanladen und der Sprecherrat riefen zu einem Stimmungsboykott auf, was absolut richtig ist. Jeder, der hier nun anfängt mit "Das kann die Mannschaft ja auf sich beziehen...", der hat das nicht wirklich verstanden. Wir sind kein Sangesvieh und wer uns so behandelt, muss sich nicht wundern, dass man mal den Mund hält. Egal welche Auswirkung das auf die Mannschaft hat. Diese wurde nebenbei auch vorab informiert, so dass eigentlich Missverständnisse nicht hätten auftreten können.

Dies war aber den aktiven Leuten nicht Reaktion genug, so dass sich viele Leute aus diesen Gruppen entschlossen, nach 30 Minuten das Stadion zu verlassen und sich Richtung Jolly abzusetzen. Okay, mag man geteilter Meinung drüber sein, da dies natürlich ohne Info an die restlichen Stadionbesucher nicht viel bringt. Aber ehrlich gesagt: Viel länger hätte ich es auf den Traversen auch nicht ausgehalten...

Schon komisch, ein Spiel vollkommen ohne Reaktion zu verfolgen. Natürlich haben nicht alle mitgemacht, sondern der grösste Teil der GG hat versucht, die Mannschaft anzufeuern. Aber diese Anfeuerung war ohne Block 1 und ohne USP extrem dünn.

Was ausserdem auffiel: für Kiel war dies auch ein super wichtiges Spiel und die haben es echt nicht weit. Aber höchstens 500 Nasen hatten den Weg nach Hamburg gefunden und sich in unserem Gästeblock breit gemacht. Trotzdem waren die in den ersten dreissig Minuten deutlich auf meinem Posten zu hören, was bereits dafür spricht, wie ruhig es war. Und wenn man die Nordkurve hört, dann muss die GG verdammt ruhig sein.

Liebe "Breite Masse" (wenn ihr es denn wart), das Plakat "Pyro, Trommel, Feuer, Licht - sind für kleine Kinder nicht" war aus meiner Sicht etwas fragwürdig. Warum verschwindet ihr zum einen mit diesem in der Süd? Und zum anderen, warum blast ihr so etwas nicht ab, wenn ihr vorher von den Stadionverboten gewusst habt? Okay, gehe ich mal bei letzterem davon aus, dass ihr das nicht mitbekommen habt. Das zuerst genannte finde ich etwas komisch. Warum so etwas nicht vom normalen Platz zeigen? Das sehen die Angesprochenen von dort auch und ihr hattet doch nicht wirklich Angst einen auf die Nase zu bekommen, oder? Denn wenn dies die Reaktion gewesen wäre, dann hätten die Angesprochenen komplett verloren... Freie Meinungsäusserung per Tapete? Immer gerne! Nur dann auch wirklich zeigen, wer man ist.

Gut, nach einer halben Stunde verliessen die aktiven Leute zum grössten Teil das Stadion. Unter "Auf Wiedersehen" Rufen aus Block 2 (hallo, begreift ihr noch irgendwas???) ging man erstmal unter die Tribüne. Hier hatte sich auch die Polizei versammelt (Aussage: "die solidarisieren sich") und es kam doch zu einigen hektischen Szenen, als mit Leuten diskutiert wurde und sich ein Mädel doch ziemlich angemacht fühlte. Aber durch besonnenes Auftreten der meisten Anwesenden kam es zu keinen problematischen Situationen.

Nach kurzem Zögern verlies man das Stadion und ging Richtung Jolly. Von den Ordnern wurde man noch mit einem "wenn Sie jetzt das Stadion verlassen, dann kommen Sie nicht mehr rein" verabschiedet. Hallo? Das war der Sinn der Nummer. Im Jolly dann eine irgendwie komische Stimmung. Auf der einen Seite war man doch sehr bedrückt auf der anderen Seite fing man langsam an zu trinken und begann eben das zu machen, was man im Jolly den so macht. Sprich: man kickerte.

Das Spiel ging passend zur Situation verloren und so hatte man auch nix verpasst. Nach dem Schlusspfiff kam der Ruf auf, zum Pressecontainer zu gehen und dort friedlich gegen Littmann zu demonstrieren. Diese Mobilmachung verlief vollkommen ruhig und ohne Agression. Dies ist wichtig zu wissen. Gerade als man sich angezogen hatte, kam der Ruf, dass man nicht gehen solle, da der Verein damit gedroht habe, die Gelder des Fanladens sofort zu streichen, wenn dort Leute auftauchen würden. Hallo? Geht es noch? Was ist das denn für eine Art? Eine Institution, die nur versucht Sozialarbeit zu machen und Fans zu helfen, wird hier massiv unter Druck gesetzt. Wie kann dies sein? Insbesondere ist zu beachten, dass sich zu diesem Zeitpunkt nur ein Mitarbeiter des Fanladens beim Jolly aufhielt und dieser ausdrücklich versuchte die Menge zu beruhigen. Somit hat es Littmann in seiner Amok-Aktion nicht nur geschafft, die gesamte Fanszene zu diskreditieren, nein, er hat es auch noch geschafft, ein in Deutschland vorbildliches Projekt zu gefährden und schwer zu beschädigen. Und das alles nur, weil vielleicht fünfzig Leute vor dem Pressecontainer demonstrieren wollen? Willkommen in der Corny-Littmann-Diktatur, wo freie Meinungsäusserung nicht gewünscht ist.

"Wollen wir nochmal retten?" fragte mich ein Mitstreiter von rettet-stpauli.de dann. Und wenn ich ehrlich bin: Nein, nochmal würde ich nicht darauf verzichten, ausdrücklich genannt zu werden und ausdrücklich einen Dank einzufordern. Aber ehrlich: a. würde ich immer wieder so handeln, wie wir im Sommer gehandelt haben. Und b. müssen wir unseren Verein vor einem Präsidenten retten, den wir mal für einen von unserer Seite gehalten haben. Und genau dies ist wahrscheinlich das gefährliche. Wir haben uns schlichtweg einlullen lassen. Littmann feiert zwar auf der GAL-Wahlparty, ist aber schlichtweg ein Law and Order Freak.

Der Rest des Abends verlief mehr als lustig. Im Fanladen wurde noch ziemlich viel Frust geblasen, welcher mit einem exellenten Chili gewürzt wurde. Danach ins Jolly, wo man Petruschka einsammelte und sich zu Belle & Sebastian aufmachte. Hier muss ich jedoch auf einen Gastbericht von Petruschka verweisen, die uns einen schreiben will. Danach ging es für die beiden anwesenden 42er (die Freibeuterin war die Dritte im Bunde) mit einem kurzen Durststop im Lustigen Clocha wieder ins Jolly. Hier hies ses nur ganz trocken: "wir fordern". Sprich ich verlor mal wieder grundsätzlich jedes Spiel am Kicker. Und als dann dieses Spiel nicht mehr wirklich Spass machte und man eigentlich ins Bett wollte, begann wieder so ein Abend, der zeigt, warum wir hier stehen und warum wir uns so mögen.

Musik, die einen das Tanzbein rausholen liess, Leute, die vollkommen wild miteinander tanzten und die Stimmung am kochen. Ich habe lange nicht mehr so viele fröhlich entrückte Gesichter gesehen. Und spätestens die Polonäse Richtung "Spundloch" liess die Vorfälle des Tages vergessen.

Und nun?

Wie geht es jetzt weiter? Wir arbeiten gegen eine Pressemaschine an, welche die Öffentlichkeit vollkommen gegen uns lenken kann. Und wie schon heute zu sehen ist, interessiert es viele Leute nicht, was man als Fans schreibt. Viele Leute scheinen absolut zu glauben, was das Präsidium sagt, ohne es zu reflektieren. Mal sehen, was morgen die Presseschlacht bringt. Ich schätze, das wird nix gutes sein. Kurz: Unser St. Pauli stirbt und wird durch ein anderes ersetzt. Und es wird kein schöneres sein. Aber ich lass mir diesen Verein nicht unter die Haut malen um mich von einem Präsidenten vertreiben zu lassen. Wir sind St. Pauli und wir werden auch diese Krise überleben. Und wir werden hier noch stehen, wenn Herr Littmann nicht mal mehr ein Theater auf dem Kiez hat. Unser Tag wird kommen.