Norbert regt sich auf vom 24.3.

 

über

Besser, aber unbefriedigend

Die Situation hat sich verbessert, sie ist aber immer noch unbefriedigend....

Die Fakten

Gestern hat ein Gespräch zwischen Fanvertretern und dem Präsidium stattgefunden. Wichtigstes Ergebnis dieses Treffens war, dass den Betroffenen ein Gespräch mit dem verantwortlichen Mitarbeiter des Vereines ermöglicht werden soll und dann die Verbote von diesem (und nicht vom Präsidium) überprüft werden sollen. In fünf Fällen kann dies wahrscheinlich zu einer Rücknahme der Verbote führen, klar ist dies jedoch nicht. Im sechsten Fall liegt wohl eine Beteiligung an den Vorgängen in der AOL Arena vor. Das Präsidium und insbesondere der Präsident hat die Voreiligkeit der Handlungen eingesehen und sich entschuldigt.

Den Mitarbeitern des FC St. Pauli und den Faniniativen wurden laut Teilnehmern an dieser Sitzung das vollste Vertrauen und Unterstützung ausgesprochen. Dies soll am Freitag und Samstag laut Ohrenzeugen noch ganz anders gewesen sein. Da haben sich wohl gewählte Fanvertreter ganz ordentliche Schimpfarien aufgrund des Flugblattes anhören müssen. Es soll eine Erklärung des Vereines geben, welche die Situation erklärt und auch deutlich macht, dass dies ein Fehler war. Der Text ist mir beim Schreiben dieser Zeilen noch nicht bekannt. (Nachtrag: Diese Erklärung ist nun draussen und aus meiner Sicht nicht ausreichend, da sie aus meiner Sicht die falschen Schwerpunkte setzt.)

Weitere Details werde ich jetzt ganz bewusst nicht zum Besten geben, da nicht alles nochmal in der Öffentlichkeit hochgekocht werden soll. Sorry für diese Selbstbeschränkung, aber ich denke, es ist so besser.

Die Reaktion der Fans

Danach lud der Fanladen zu einer ausserordentlichen Sitzung des ständigen Fanausschusses (für Leute, die sich in den Strukturen von St. Pauli nicht so auskennen: dies ist eine regelmäßige Versammlung von Fangruppen. U.a. nehmen USP, Passanten, AFM, Fanclub-Sprecherrat aber auch Basis oder Betreiber stpauli-forum.de teil), an der meine Wenigkeit als Ersatzvertreter für das Forum anwesend sein durfte.

Ergebnis dieser Sitzung war eine doch erhebliche Unzufriedenheit mit den Ergebnissen, wobei die Meinungen von "war Mist, aber wir müssen nach vorne sehen" bis "das Tischtuch ist endgültig zerschnitten" reichten. Die Beschlüsse der Versammlung sind noch nicht öffentlich, werden euch in der nächsten Zeit aber erreichen. Jedoch waren sich am Rande der Versammlung alle (anwesenden) Internetseitenbetreiber einig, dass die Proteste so lange weitergehen und die Seiten so lange offline bleiben, bis zumindest die fünf vollkommen ohne Zusammenhang mit der AOL-Sache ausgesprochenen Stadionverbote vom Tisch sind. Über den sechsten Fall und dessen Behandlung bestand weniger Einigkeit.

Meine Einschätzung

Mal ehrlich: Ein "Friede, Freude, Eierkuchen"kann es aus meiner Sicht nicht geben. Denn dies ist nicht der erste Ausfall unseres Präsidenten gegenüber den organisierten Fans. Und man kann nicht sagen, dass er aus Unwissenheit gehandelt hat. Bereits nach dem ersten Derby in dieser Saison musste (leider) das Instrument Stadionverbot eingesetzt werden. Bereits dort hätte er die normalen Abläufe kennen lernen und jene auch in diesem Fall einhalten müssen. Insbesondere die Abstimmung mit Fanprojekten ist ja wohl selbstverständlich in solchen Fällen. Aus Dummheit oder Unwissenheit hätte er so also nicht handeln dürfen.

Weiterhin ist dies ja nicht das erste Mal, dass er von Fanseite belehrt wird. Bereits am Anfang hat er mit Aussprüchen zur AFM (Stichwort: "Vertretung der Fans") und Bambule (keine Demo als St. Pauli-Fan) doch für erheblichen Wirbel gesorgt und bereits damals ist versucht worden, ihm die Strukturen der Fanarbeit deutlich zu machen. Er ist mehrfach auf Sitzungen gewesen, es ist mehrfach von vielen Leuten versucht wordenm ihm zu verdeutlichen, wer wer in der St. Pauli Fanszene ist. Begriffen hat er es anscheinend nicht. Littmann neigt zu unüberlegten Kurzschlusshandlungen, die er dann vielleicht zurücknimmt, die aber dadurch nicht ungeschehen sind. Insbesondere treibt er immer wieder einen Keil zwischen die "Aktiven Fans" und den "Rest des Stadions" (zur Verdeutlichung der Situation jetzt mal "schwarz/weiss" dargestellt). War es bei der Bambule Sache noch die unterschwellige Aussage "Ich krieg kein Bier, weil die linken Chaoten demonstrieren", die vom Präsidium leichtfertig noch mit Aussagen unterfüttert wurde, so ist es diesmal die Aussage "Ultras sind alles Chaoten und vor denen war St. Pauli immer friedfertig".

Exkurs: Beide Aussagen sind so schwarz/weiss gedacht, dass sie schlichtweg falsch sind. Mal ganz davon ab, dass St. Pauli nie friedfertig war. Ein kluger Präsident sollte schon - allein um an dieser Front Ruhe zu haben - besonnen und vermittelnd auftreten und nicht hektisch, überhastet und einseitig. Bei Littmann jedoch hat man das Gefühl, dass er bei der Polizei sofort einbricht und alle Aussagen eins zu eins übernimmt. Ich will hier nicht die Polizei zum Buhmann machen, denn viele Rübennasen (und diese sind insbesondere nicht bei USP zu suchen) haben immer noch nicht begriffen, dass die Achtziger mit einer planlosen Polizei, die nichts sieht, vorbei sind. Somit tragen eine Mitschuld die Rübennasen, die so weitermachen, als würde die Polizei nichts sehen. Insofern sind die Besorgnisse der Polizei nicht nur unbegründet. Jedoch: Aus meiner Sicht reagiert gerade die aktive Fanszene vollkommen richtig auf Verfehlungen. Man bedenke, dass USP (jetzt mal als Beispiel genannt) sich u.a. ein Pyroverbot, auch wenn sie eigentlich erlaubt sind (Amateurspiele), auferlegt hat und sich bereits vorher von Leuten getrennt hat, weil sie sich eben nicht korrekt verhalten. Und solche Beispiele gibt es viele und sie sind nur zu begrüssen. Und gerade hier muss noch mehr Förderung und auch Zustimmung von Seiten des Präsidenten, der Polizei und auch der "restlichen Stadionbesucher" kommen. Und nicht - um jetzt wieder den Bogen zum eigentlich Gedanken zu finden - ein planloses Draufhauen auf eine Gruppe, nur weil die Polizei deren Bemühungen nicht versteht und ihnen alles anhängt, auch wenn sie gar nix dafür können. Ein Sündenbock ist immer leicht gefunden. Eine tiefere Aufklärung und Verbesserung hingegen ist schwer. Exkurs Ende.

Diese Versuche der Spaltung und der Kurzschlusshandlungen kann entweder Prinzip oder es kann einfach nur Dummheit und Unüberlegtheit sein.

Nehmen wir den ersten Fall an (den ich, ehrlich gesagt, für unwahrscheinlicher halte, aber dazu später mehr). Littmann macht das ganze aus böser Absicht heraus. Er versucht immer wieder, mit Aktionen die "aktive" Minderheit zu diskreditieren und einen Keil in die Sache zu treiben. Sein Vorteil dabei ist klar: Viele der "aktiven" Leute sind auch im Verein aktiv tätig und/oder sind einfaches Vereinsmitglied, welches Stimm- und Rederecht im Verein hat. Isoliere ich diese Leute und versuche sie mundtot zu machen, habe ich eine grosse kritische Gruppe weniger. Weiterhin kann er mit seiner "Haudrauf und dann Rückzug"-Taktik natürlich blendend testen, wie weit die Proteste gehen. Und wenn sie diesmal noch relativ stark sind, so werden sie vielleicht beim 10. Mal nicht mehr vorhanden sein und er kann entsprechend gegen die Gruppen vorgehen. Zu dieser Taktik würde er insbesondere dann animiert werden, wenn man jetzt wieder zur Tagesordnung übergehen und so der Druck nicht aufrechterhalten würde. Politik der Nadelstiche zum mürbemachen wäre dies.

Oder er ist einfach nur naiv, dickköpfig oder begreift gar nicht, was Sache ist. Dann wäre dies auch nicht wirklich besser. Denn wie soll ein Präsident, der bereits bei solchen eigentlich nebensächlichen Fragen so panisch reagiert ein mittelständisches Unternehmen führen? Trotzdem halte ich die letzte Interpretation für die naheliegendere. Denn Littmann eine Art Taktik zu unterstellen und eine Bauernschlauheit, das liegt wirklich sehr fern. Er ist klug genug, sich aus dem wirtschaftlichen Teil rauszuhalten, und genau dieser läuft anscheinend sowohl bei seinem Theater als auch bei uns. Aber alles andere, was er machen müsste, wie die sportliche Seite und öffentliches Auftreten, ist einfach zu planlos und zu chaotisch um daraus Anzeichen für ein planvolles Verhalten zu sehen. Auch erscheint seine Unkenntnis von den Zusammenhängen nicht gespielt. Vielmehr fehlt ihm entweder die Zeit oder Aufmerksamkeit, um dies einfach zu begreifen.

Gestern sprach jemand so passend von drei Säulen, die ein Präsident in den Griff bekommen sollte. Eine ist die sportliche, die zweite ist die wirtschaftliche und die dritte ist das Verhältnis zu den Fans. Die wirtschaftliche Seite war ein Jahr lang eine Katastrophe, soll jetzt aber angeblich laufen. Okay, wir (die Aussenstehenden) wissen nicht warum, und ich vermute doch noch ein bis zwei Bilanztricks, welche man aber erst auf der nächsten JHV sehen wird (oder eben nicht, wenn sie nicht da sind), aber immerhin scheinen wir in diesem Bereich in ruhigeres Fahrwasser zu geraten. Und das obwohl in diesem Bereich und insbesondere im Vermarktungsbereich ungehobenes Potential vorhanden ist.

Nur leider hängt dieser Bereich untrennbar mit den anderen Beiden zusammen. Der sportliche Bereich ist ein Grauen, denn die fehlende Durchsetzungsfähigkeit gegenüber der sportlichen Leitung sorgt für dauernde Unruhe. Entweder feuert man Gerber oder man stärkt ihm vorbehaltslos den Rücken, dann müsste man aber auch gerade in der jetzigen Situation den Vertrag von Gärtner verlängern. Dass ich eher ein Freund der ersten Alternative bin, sei hier nicht verschwiegen.

Exkurs: St. Pauli ist doch noch anders! Wir sind der einzige Verein, bei dem sich der Trainer selber ein Ultimatium setzt. So etwas Freches, wie der in allen Zeitungen zitierte Auftritt von Herrn Gerber, der so tut, als ob das Präsidium ihm hinten rum ein Ultimatium gestellt hat, ist nicht zu überbieten, und alleine dies sollte für eine Kündigung bereits ausreichen. Ein Trainer, der sich bis zuletzt für seinen Verein einsetzt und das Optimale rausholen will, sieht anders aus. Wenn man dann noch verstärkt hört, dass Gerber intern insbesondere die jungen Spieler immer mehr fertig machen soll, dann ist dies natürlich auch nicht gerade leistungsförderlich. Exkurs Ende.

Und bei den Fans verspielt sich Littmann den Kredit einer Minderheit, die trotzdem unglaublich wichtig ist. Stimmungsmässig läuft nicht mehr viel, wenn Block 1 und USP als Ansinger nicht mehr da sind. Und die "Stimmung" war und ist das einzige Kapital, was wir noch haben. Sollten aufgrund fehlender Stimmung und aufgrund dauernden sportlichen Misserfolges nun auch noch die Zuschauer weg bleiben, dann würde auch die einzig funktionierende Säule zusammenbrechen.

Insgesamt beurteile ich die Präsidentschaft von Herrn Littmann aufgrund dieser Vorfälle als doch ziemlich zweifelhaft und würde einen Rücktritt begrüssen. Dies liegt einfach daran, dass sportlich und in Sachen Fans einfach alles schief läuft, seitdem Littmann Präsident ist. Gestern warfen viele Gesprächspartner ein, dass ein Machtvakuum tödlich für den Verein wäre und Alternativen nicht vorhanden seien. Okay, gerade bei den Alternativen befällt einem auf den ersten Blick das Grauen. Denn einen Paulick oder Weisner-Vertrauten möchte man nicht wirklich haben und auch andere finstere Mächte sammeln sich im Hintergrund. Jedoch: Anders als in der Politik wird es bei so einem Fussballverein nie einen geborenen Nachfolger geben.

Auch zweifel ich daran, dass ein kurzes Vakuum zum richtigen Zeitpunkt wirklich so schlimm wäre. Klar, jetzt in den Vertragsverhandlungen wäre dies nicht so gut, da anscheinend immer noch der Präsident das letzte Wort bei solchen Sachen hat und kein anderer diese Verantwortung übernehmen darf. Aber zum ordentlichen-JHV-Termin stehen solche Gespräche nicht an und ein Vakuum wäre aus meiner Sicht nicht so schlimm . Auch halte ich die Verknüpfung des Schicksals des Vereines mit einer Person immer für falsch. Genauso wie Franz Gerber nicht der einzige Fussballfachmann im Verein ist und angeblich unersetzlich ist, genauso wenig ist Corny Littmann unersetzlich. Die Lüge der Unersetzbarkeit hat uns bei Heinz Weisener stark geschadet und wir sollten sie nicht noch einmal durchmachen.

Kommen wir mal zur anderen Seite der Medaille. Auch die Seite der "aktiven" Fans muss betrachtet werden. Und es nützt alles nix, aber auch diese Seite muss Fehler eingestehen und ihr Verhalten ändern. U.a. war das Flugblatt zum Kiel-Spiel natürlich äusserst dünn und die "Wir gehen"-Aktion für Aussenstehende vollkommen unverständlich. Okay, dies war mit der Kurzfristigkeit und mit der Wut und Entsetzen sehr klar und deutlich zu rechtfertigen. Umso wichtiger ist es jedoch nun, dass ein sehr gutes und erklärendes Flugblatt zum nächsten Heimspiel folgt.

Weiterhin ist es wichtig, dass nach einem Jahr schlechter Presse nix, aber auch gar nix mehr passiert. Entscheidend ist, dass auch die nächsten - teilweise brisanten - Spiele ohne irgendwelche Probleme über die Bühne gehen. Wir werden uns sehr zurückhalten müssen und müssen darauf achten, dass auf keine Provokation des Gegners und/oder der Polizei eingegangen wird. Wir werden beinah bis zur Selbstverleugnung gehen müssen, um endlich von der Liste der Polizei runter zu kommen. Sonst fahren wir bald wie Offenbach oder Frankfurt überall mit Polizeibegleitung und im Kessel. Und ich denke nicht, dass dies irgend jemand möchte. Notwendig ist es daher, dass in jeder Gruppe die etwas Ruhigeren die Hitzköpfe an die Hand nehmen und so Eskalationen vermeiden. Denn egal was passiert: uns - den Fans des FC St. Pauli - glaubt zur Zeit weder die Polizei noch die Presse noch unser eigenes Präsidium.

Und die aktiven Gruppen müssen sich offen gegenüber anderen Leuten zeigen. Es nützt alles nix, aber es muss eben zum 100.000ten Mal zum Treffen eingeladen werden und zum 1.000.000ten Mal auf dumme Postings eingegangen werden.

Im Gegensatz erwarte ich aber auch, dass JEDER St. Paulianer sich an eines hält: Nämlich erstmal seinen Mitfans und dann den Zeitungen zu glauben. Wenn ich nicht grundsätzlich jedem St. Paulianer Vertrauen entgegen bringe, dann kann ein Zusammenhalt nicht funktionieren.

Diese Seite bleibt bis nächstes Wochenende nur in diesem eingeschränkten Format online. Ob ich einen Essen-Bericht schreibe und ob die Page dann wieder in voller Schönheit erscheint, hängt sehr davon ab, wie die Gespräche mit dem Verein verlaufen sind. Wir werden sehen.