Norbert regt sich auf vom 8.08.2004
über
Hoffnung
Auf NDR Info läuft Freitags nachmittags eine Sendung, die Sabbat Schalom heisst. Diese Sendung ist am ehesten mit der Morgenandacht oder dem "Wort zum Sonntag" zu vergleichen, nur eben für den jüdischen Glauben. Dieser Vergleich hinkt zwar wie alle weiteren folgenden, aber anders kann ich die Geschehnisse dieses Freitagabends nicht einordnen. Wenigstens lief in dieser Sendung vor ein paar Monaten ein Beitrag eines Naziüberlebenden. Dieser erzählte, dass sein Grossvater im KZ seine Butterration benutzt hatte, um eine Kerze zu basteln. Daraufhin hätte ihn ein Mitgefangener gefragt, warum er dies mache, man habe doch schon zu wenig zu essen. Da habe der Grossvater gesagt, dass der Mensch bis zu fünf Tage ohne Wasser, bis zu dreissig Tage ohne Essen, aber nicht eine Sekunde ohne Hoffnung auskommen kann.
Wenigstens ging mir dieser Beitrag Freitag auf dem Weg zum Spiel passend oder auch unpassend im Kopf rum. Denn auch für unseren Verein gilt (und ich weise nochmal auf das extreme Hinken dieses Vergleiches hin) beinah nur noch der Spruch: "Die Hoffnung stirbt zuletzt".
Man bewegte sich also bei gutem Wetter Richtung Hamburg, hatte dabei noch weitere solche Gedanken, verfluchte Fahrer mit auswärtigen Kennzeichen ("da ist 100 und nicht 60 erlaubt") und kam doch viel zu früh auf St. Pauli an. Da der Fanladen noch zu war, beschloss ich auf der Lokalrivalenseite des Kiezes zu parken und ein bißchen einfach übern Kiez zu laufen. Kein wirkliches Ziel, einfach nur bummeln. Sofort lief man dem PauPi und seiner Süssen in die Arme, was sehr nett war, aber mein Ziel des alleine-sinnierens natürlich wieder ad absurdum führte. Naja, kurze Zeit später trennten sich unsere Wege und ich ging noch gut eine dreiviertel Stunde meiner Wege, bevor ich gen Fanladen aufbrach.
Hier das übliche "Hallo" und auch die West-Brigaden-Ehe war zu ihrem ersten Spiel der Saison angereist, nachdem sie ihre Hochzeit und die dazugehörige Reise überstanden hatten. Der Trauzeuge musste auch noch nicht schlichten und wurde eher zum Opfer dauernder Sticheleien. Naja, wenn das dem Ehefrieden hilft, lässt sich dieser natürlich gerne foppen ;-).
Irgendwann trudelte dann auch Rene zum Currywurstessen ein, da aber Herr D. aus H. es mal wieder vorzog zu schwänzen, war eigentlich alle Hoffnung verloren, das Spiel heute noch zu gewinnen. Aber immerhin trudelte Silke auch noch ein und so ging man zu dritt seinen Verpflichtungen nach. So komisch das klingt, aber wirklich Spass macht es nicht mehr, Currywurst zu essen. Ich bin halt unglaublich abergläubisch und werde das auch bis zur nächsten Niederlage nicht einstellen, aber Hunger habe ich darauf zur Zeit nicht mehr. Lieber wäre mir mal ein gebratener Hahn oder auch gar nix aus der Kleinen Pause. Andere Aberglaubenspflichten sind da angenehmer ;-). Diesmal habe ich mich aber auch ganz genau an die drei Bier, eine Premiumcola gehalten.
Der Fanladen füllt sich, C. erzählt von seinem Besuch beim Berufungsprozess gegen die "Gänsefleisch"-Polizisten (für die Bezeichnung muss man sich mal alte Übersteiger angucken und zwar die Comics), H. versuchte sich wahlweise als Modell/Sonnenanbeter/allgemeiner Kritiker, ein konstruktiver O-Ton a la "Heute hauen wir sie weg" war nicht zu bekommen.
Gut, Stadiongang lag an und so machten sich mein Auswärtsnebenmann und ich auf den Weg zu unser geliebten Bruchbude. Besagter Auswärtsnebenmann war heute ja mal wieder heimatlos, so dass wir in unserer fc42-Ecke eine stimmgewaltige Begleitung hatten. Aber so weit sind wir noch nicht, denn vorher musste ich ja noch ein Bier bei der AFM trinken, welches - wie immer - charmant und freundlich von den Verkäufern präsentiert wurde. Grosses Lob an alle Fanclubs, die dort den Verkauf machen.
Herr D. wurde noch kurz sämtliche Vorwürfe gemacht, da er ja Schuld wäre, wenn wir nur unentschieden gespielt hätten.
Erwähnenswert ist auch der Bus der Berliner, welche nicht nur von Mickey Tours war, nein dieses Unternehmen ist u.a. auf "Behindertenverkehr und Krankenfahrten" spezialisiert. Was haben wir gelacht.
Gut, irgendwann muss man dann das Stadion entern und es fiel eine grosse Leere auf. Gerade als man überlegte, ob das überhaupt 10.000 Heimzuschauer (plus ca. 3.500 Berliner) zugegen sind, füllte sich das Stadion in allerletzter Sekunde und die knapp 18.000 Zuschauer waren dann auch wirklich da, was ja teilweise aufgrund der vielen Dauerkarten nicht immer der Fall war.
Kommen wir zur Stimmung. Diese war nach langsamen Beginn eigentlich sehr gut, auch wenn USP - verständlicherweise - auf einen Vorsänger verzichtete, da keiner wirklich Lust hatte dies zu machen. Aber die Mannschaft kämpfte, auch wenn nicht alles klappte und viele Fehlpässe gespielt wurden. Jedoch: Es reicht eben bei St. Pauli aus, wenn man das Gefühl hat, dass die Mannschaft kämpft.
Zur Begrüssung der Unioner durch den Stadionsprecher muss man was sagen. Diese fiel doch sehr unterschiedlich aus, während Knut deutlich die vermeintliche Fanfreundschaft erwähnte, begrüsste Rainer Wulff die Unioner doch äusserst kühl. Finde ich so in Ordnung, Knut hat schon mehrfach erklärt, dass er Union-Fan ist und das bleibt ihm unbenommen, auch wenn ich es nicht verstehe. Wenigstens wurde so die angebliche Blutsbrüderschaft nicht weiter gehypt. Wenn man ehrlich ist, gibt es keine Fanfreundschaft, und wie bei vielen anderen Vereinen gibt es einige nette Leute, viele denen man gleichgültig gegenübersteht und einige echte Vollidioten. Und nur weil beide Vereine pleite sind, muss man nicht mehr Sympathien für einen Verein haben. Sonst müsste ich ja auch Sympathien für Magdeburg haben. Sozusagen dem Rettungserfinder. Einige St. Paulifans hatten die Sprecher nochmal deutlich darauf hingewiesen, dass von einer Freundschaft nicht die Rede sein kann und konnten wohl auch so eine zu starke Anbiederung vermeiden.
Kommen wir zum Spiel: Ich möchte Lechner loben. Nicht weil er wirklich toll gespielt hat, sondern weil er das gemacht hat, was ich von einem Spieler erwarte. Er merkte in den ersten fünf Minuten, dass spielerisch nicht viel läuft. Aber anstatt nun den Kopf hängen zu lassen, fing er an wie ein Irrer zu kämpfen und zu grätschen. Genau diese Reaktion möchte ich von einem Spieler sehen, wenn er merkt, dass es nicht 100-Prozentig läuft. Sonst möchte ich eigentlich nur noch Bounuoa herausheben, dem endlich mal wieder ein sehr schönes Tor gelungen ist. Meiner Meinung nach nur möglich, da er bei diesem Grottenspiel in Pinneberg den Freistoss versenkt hat. Dieses eigentlich vollkommen unbedeutende Tor war auch ein gezirkelter Freistoss von der linken Seite und vielleicht hat ihm dies das Selbstvertrauen gegeben nun wieder abzuziehen und sehr schön das Tor zu treffen. Insgesamt hat die Mannschaft noch nicht toll gespielt und insbesondere in der Viererkette offenbarten sich noch ordentliche Lücken, so dass Union auch dreimal alleine auf das Tor zulief, aber die gesamte Mannschaft kämpfte 90 Minuten bis zum Umfallen. Und das gibt wirklich Hoffnung für die nächsten Spiele, muss aber nun in Paderborn mit einer guten Leistung bestätigt werden!
Nach dem Spiel strandete man im Fanladen, wo die Meinung über das Spiel doch sehr auseinander gingen. Zwischen "langweilig, ich bin eingeschlafen" und "war das schön" war alles vorhanden. Es gab noch Passanten-Hot Dogs, welche auch gut verkauft wurden.
Erwähnenswert ist noch, dass es doch noch ziemlich Ärger mit irgendwelchen Berlinern gegeben hat. Waren auch genügend Rübennasen unterwegs. Anscheinend friedlich verlief die Demo für Bauwagenplätze für die im Stadion aufgerufen wurde. Zwar bin ich immer noch kein Freund von Demos nach Spielen, aber der Aufruf war sehr sehr passend und bezog sich sehr schön auf die Viva St. Pauli Kampagne. Wenn man solche Kampagnen startet, muss man sich nicht wundern, wenn sich jemand drauf bezieht.
... unser neues Polizeirecht, welches einfach nur noch erschreckend ist. Wie kann es sein, dass Bürgerrechte überhaupt nichts mehr wert sind? Mit einer Verzögerung von 20 Jahren wird George Orwells Horrorvision wahr. Kameraüberwachung, 14 Tage auf Verdacht einsperren oder Stadtverweis sind nur einige Stichworte. Lächerlich ist die Argumentation zu sagen "ist doch alles nicht so schlimm, muss doch ein Richter genehmigen". Zum einen wird damit Verantwortung auf die Richter geschoben, welche diese gar nicht tragen können, zum anderen legen Richter nur das vorhandene Gesetzesmaterial aus und wenn dies alles erlaubt, dann kann von einer Einschränkung durch Richtervorhalt keine Rede sein. Hinzu kommt, dass dann die Politiker dann populistisch die Schuld auf die weic