Norbert regt sich auf vom 18.07.2004
über
Körperlos
Lübeck? Da war doch was? Ja, im Niedergang unseres Vereines spielte sich in Lübeck einer der frühen Höhepunkte ab. Didi Demuth war gefeuert worden, nachdem man ihn in eine Mission Impossible geschickt hatte mit einer Mannschaft, welche weder zweitligatauglich war, noch auch nur annähernd ihm zuhören wollte, da Franzl schon alles für seine Regentschaft vorbereitet hatte. Nach der Entlassung wagte sich aber nicht Franzl auf die Bank, sondern Philipkowski musste die Mannschaft bis zur Winterpause betreuen. Danach konnte Franzl gross einkaufen und hatte so leichtes Spiel gut auszusehen. Und dieses erste Spiel in der Ära Pippel zeigte gleich wo es langgehen sollte. Ein 0-6 war das Ergebnis. Bis heute einer der schwärzesten Tage in meiner Karriere als St. Paulifan. Nur das 0-3 gegen neun Lokalrivalenspieler und das 0-4 mit Meggles verschossenen Elfer in der letzten Bundesligasaison tun noch mehr weh.
Warum ich das alles schreibe? Weil all diese Schmerzen wieder hochkamen, da die Hamburger Morgenpost ein Foto abdruckte, in dem hinten ein Plakat vom 0-6 zu sehen ist. Auf diesem steht "Pfui". Dieses Plakat wurde damals von Pectoris und mir hochgehalten. Eigentlich war es Teil einer längeren Choreo zum Thema Demuth, aber auch da passte es wieder perfekt
Noch ein Vorwort: Bericht ist unzensiert und sehr emotional geschrieben. Ich habe ihn trotzdem jetzt mal so gelassen, auch wenn er teilweise wirr, teilweise hart und teilweise falsch ist. Diese Kolumne soll ja Emotionen eines Fussballfans bringen.
Unter diesen Voraussetzungen war die Begeisterung wieder nach Lübeck zu fahren nicht wirklich bei mir vorhanden. Aber es nützt ja nix, man muss ja.
Die Anfahrtswege waren mal wieder sehr unterschiedlich. Die aktiven Gruppen fuhren auch bereits früh los, sei es nun um der Polizei zu entgehen, sei es um den anderen St. Paulifans zu entgehen, sei es um noch eine Kneipe zu entern. Schade ist es allemal, denn so ist eine Selbstkontrolle in den Zügen alleine schon deswegen nicht mehr möglich, weil die "korrekten" Leute sich extrem verteilen. Aber was schreibe ich dagegen? Der Zug ist abgefahren (sic!). Das zeigt sich auch daran, dass die gleichen Gruppen (ausser USP) sich am liebsten auf die hintere Ecke der Tribüne verkrümmeln, wo sie ja auch nix mit anderen Leuten zu tun haben. Supportgedanke? United we stand? Leere Worte, wenn man so handelt. Gerade weil man in Lübeck aus den Stehplätzen wirklich gut sehen kann. Umso mehr gilt diese Kritik, da es in einigen Gruppen scheinbar nicht einmal mehr angesagt ist allen aus der Gruppe bescheid zu sagen, was man vor hat.
Aber es gibt ja immer noch ein paar Aufrichtige und so konnte man um 11 Uhr doch einige "Aktive" begrüssen.
Einschub: Auch der fc42.de glänzte nicht gerade durch starke Nutzung des Sonderentlastungszuges, denn wir waren gerade mal zu Dritt. Genauso schwach, dass insgesamt auch nur sieben Leute von uns da waren. Wir waren bei solchen kurzen Auswärtsspielen auch in der dritten Liga mal mit mehr als 10 Leuten unterwegs. Schade eigentlich.
Gut zwei der 42er suchten dementsprechend Unterschlupf bei Kopfschuss. Meiner einer nur für die Hinfahrt, da ich auf der Rückfahrt Familie Pieps und meine Herzdame begleiten wollte, die sich einen schönen Tag an der Ostsee gemacht hatten, um sich dann den Tag durch das Spiel zu versauen.
Kopfschuss: Ein Lob an diese Chaoten. Nahezu perfekt organisiert, nett und nie ausfällig. Und das obwohl Petruschka nicht zu Unrecht anmerkte, welche Hektoliter Alkohol dieser Fanclub in seiner Exisitenz schon vernichtet hatte. Wobei ich feststelle, dass die hier viel zu gut wegkommen. Also: Die sind voll doof!
Womit wir beim Thema wären. Hatten wir uns doch vorgenommen Cider zu trinken. Von meiner Geburtstagsfeier war noch eine 2 Liter Flasche über und R. hatte noch eine zweite mitgenommen. Eigentlich genug für eine nicht mal einstündige Fahrt, oder? Naja, die erste war alle, bevor wir Berliner Tor passiert hatten und ab Reinfeld sassen wir auf dem Trockenen. Die Notreserve konnte dann noch kurz organisiert werden, aber eigentlich war es schlichtweg zu wenig.
Kommen wir zu den anderen Mitreisenden im Zug. Ich hatte das schlimmste erwartet, aber insgesamt bewies mein Gang durch den Zug, dass sich diesmal ca. 95 % aller Mitfahrer super korrekt verhielten. Selbst kurz vor Lübeck schwamm nur ein Abteil, welches aber auch von Kutten der übelsten Sorte besiedelt war. Sonst konnte man viele fröhliche Leute bewundern.
So hatten auch die beiden Typen vom Bahnsicherheitsdienst nix zu bemängeln, die aus meiner Sicht einfach nur überflüssig waren, hatten wir doch sowieso unsere Ordner mit.
Kommen wir nochmal auf unsere Reisegruppe zurück. Diese machte es sich im Fahrradabteil gemütlich, welches auch als Tanzabteil genutzt werden könnte. Wir hatten jedoch keine Tanzmusik mit, was dazu führte, dass bei uns noch eine Gang mit Ghettoblaster niederlies. Ghettoblaster? Oh Ha! Meistens sieht das doch mit diesen Teilen wie folgt aus: Die Kassette ist bereits rauschend krachend aufgenommen, am besten so, dass die LEDs sich nur im roten Bereich während der Aufnahme befinden, das Abspielen findet dann auch in einer viel zu lauten Lautstärke statt. Dazu ist der Lautsprecher zumindest einmal eingerissen und zumindest einmal in Bier ertränkt worden. Kurz: Es ist selbst dann unerträglich, selbst wenn man die Musik mag. Wir befürchteten also das schlimmste, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Denn die Musik war gut aufgenommen und wurde in angenehmer Lautstärke abgespielt.
In Lübeck angekommen, musste ich feststellen, dass in den drei Jahren in denen ich den Bahnhof nicht genutzt hatte diese denselben abgerissen hatten. Übrig geblieben war nur eine Behelfsbrücke und die eigentlichen Bahnsteige.
Ich mag Hochrisikospiele. Man darf nirgendwo hin, die Polizei steht überall und ist hypernervös und alle werden aggressiv. Was in Lübeck noch hinzu kommt ist, dass weder die Polizei noch die Stadt irgendein Interesse daran hat es für anreisende Fans bequem zu machen. Sonderbusse? Nein! Man muss den erheblichen Weg zum Stadion zu Fuss machen. Und das ist ein Fussmarsch von gut 40 Minuten. Und nach rechts und links darf man nicht, da steht überall Polizei. Teilweise mit scharfen Polizeihunden. Super! Auf Klo gehen? Keine Chance! Man hat keine andere Möglichkeit als sich irgendwo zwischen Häuser zu stellen und gegen Wände zu pinkeln. Selbst wenn ich mich benehmen wollte, so kann ich es hier nicht, da ich keine Chance habe ein Klo zu finden. So stellten wir uns zwischen irgendwelche Mülltonnen. Unsere Damen träumten zwar noch von ihrem Autohaus, wo sie vor zwei Jahren auf Klo waren, aber auch sie mussten diesmal mit einem geparkten Auto als Sichtschutz vorlieb nehmen. Tja, das ist eben der Unterschied zwischen 2. und 3. Liga.
Irgendwann war man dann endlich am Stadion und konnte den Ground entern. Hier der nächste Skandal. Für die gesamten beiden Stehplatzblöcke fanden sich gerade mal vier Dixieklos. Keine weitere Pinkelrinne oder Möglichkeit auf Klo zu gehen. Wenn man bedenkt, dass wir mindestens 500 Frauen dabei hatten, ist das ja wohl ein absoluter Skandal. Insbesondere wenn man bedenkt, dass dort zumindest letztes Jahr noch ein Klohaus stand. Ebenso skandalös ist die Tatsache, dass die beiden Getränkestände erst eine halbe Stunde vor Anpfiff beschlossen zu öffnen. Auch dies ist mehr als skandalös, da in diesem Moment schon viele Leute weit über zwei Stunden keine Möglichkeit hatten sich mit Getränken zu versorgen.
Das Stadion war nicht annähernd ausverkauft und auch auf unserer Seite blieb doch erheblich Platz. Insgesamt 11.000 Zuschauer und vielleicht 2.000 aus Hamburg, was doch ziemlich schlecht ist, wenn man bedenkt, dass wir ca. 15.000 Heimzuschauer haben und wir die letzten vier Spiele gewonnen hatten.
Kommen wir zum Fanverhalten. Die Lübecker hatten eine Choreo unter dem Motto "Infantil mit Stil" vorbereitet. Dies war eine Antwort auf ein Plakat von USP, welches den Lübeckern mal zu Recht Infantilität vorgeworfen hatte, nachdem diese eine "Smells like green spirit" Choreo mit einem Bild einer gespreitzten Frau gemacht hatten. Wäre ja alles selbst noch ganz witzig gewesen, aber das Männchen, welches ein St. Pauli Wappen zerschlägt, zeigte, dass sie halt nur infantil sind.
Auf unserer Seite war nix besonderes zu sehen, ausser einem USP Plakat gegen Polizeiwillkür. Die Stimmung an sich war in unserem Block doch ziemlich gut, auch wenn eigentlich nur die Klassiker wirklich zu einem Gesang im ganzen Block führten. Mehr war ja aber auch aufgrund der unsinnigen Aufteilung der aktiven Gruppen nicht möglich. In diesem Zusammenhang sei nebenbei Herr RoHa mit dem Lob des Tages versehen. Er schleppte sich mit Krücken auf die Stehplätze und auf die Aussage, warum er denn nicht sitze (hätte jeder vollstes Verständnis für), sagte er nur: "Sitzen ist fürn Arsch".
Sorry von den Lübeckern kam nicht wirklich der Punk. Insbesondere reduziert sich der Support in 99 % der Fälle auf einen Block. Selbst der Rest der Stehplätze wird in Lübeck nie wirklich laut.
Das Spiel war eine Katastrophe. Ausser Gunesch, Adrion und Boll versuchten alle unsere Spieler ohne Zweikampf und ohne körperliches Spiel auszukommen.Die Lübecker hingegen hatten Schweineblut getrunken und gingen in jeden Zweikampf richtig mit Aggression und Hingabe. Das war bei unserer Mannschaft überhaupt nicht zu sehen. Die waren nicht heiss, sondern wirkten, als ob man ihnen Beta Blocker gegeben hatte. Ein Totalausfall waren Dinzey und Taljevic. Erster ist ja wirklich ein wertvoller Spieler, aber man kann bei einem Spiel nach zehn Minuten sehen, ob er Bock hat, dann ist er genial oder ob er keinen Bock hat, dann kann man ihn auch nach zehn Minuten auswechseln. Taljevic hingegen hat sich mit seiner Leistung endgültig auf die Tribüne gespielt. Ein Spieler, der wirklich nur "Hacke, Spitze, einszweidrei" Spielen kann, der hat in der Regionalliga nix zu suchen.
Und da hilft es auch nicht gegen den - zugegeben - schwachen Schiedsrichter zu meckern. Auch mit einem hervorragenden Mann hätten wir nicht gewonnen, geschweige denn einen Punkt geholt.
Kommen wir zu den unangenehmen Begleiterscheinungen im Block. Typen, die "du schwule Sau" (bei mir in der Gegend gehört) und/oder die "Nimm ihn doch, du Hitler" (hat die Freibeuterin erlebt; wobei die Aussage vor "du Hitler" nicht 100 % zu verstehen war) brüllen oder die getränkeholende Frauen anmachen (so bei Petruschka laut Freibeuterin) haben in unseren Blöcken nix zu suchen. Wenn nicht endlich eine Selbstkontrolle einsetzt und die Leute nicht endlich merken, dass man sein Gehirn nicht zu Hause lassen sollte, dann haben viele Leute bald kein Bock mehr auf St. Pauli Auswärts.
Nach dem Spiel machte man sich enttäuscht auf den Heimweg. Ich nun mit Pieps, Ilona und Knuffi im Auto, da wir doch in etwas Zeitnot waren. An den Autos dann nicht nur eine Werbung für das Spiel Kamerun - Rexona. (frei nach Dieter Nuhr: Auf der einen Seite wohlgebaute, gutriechende und gestylte Menschen, auf der anderen Seite das Rexonateam), nein, auch der Nationale Widerstand hatte flächendeckend Flugblätter an die Autos gepackt. Und nein sind die clever geworden. Die Argumentation war Anti-Bosmanurteil und hätte locker auch von jeder Fanorganisation stammen können. Argumente wie "Fan nur als Zahler" "Überteuerte Eintrittspreise" "hochbezahlte Söldner" fanden sich in dem Flugblatt wieder. Nur die Überschrift "Deutschland blutet aus und das nicht nur beim Fussball" und der Name Gruppe (Nationaler Widerstand Holstein) zeigten, wer hinter diesen Flugblättern steht.
Nach einem längeren Stau durften wir dann nach Hause, konnten uns noch mit Discotizer ein kleines Wettrennen liefern und waren pünktlich zu Hause. Andere Leute waren wohl etwas sehr pünktlich im Jolly und hatten doch wohl eine etwas härtere Nacht. Zitat bei den Amateuren: "Mein ganzes Leben ist ein Pornofilm". Ich weiss nicht wirklich, ob ich Näheres wissen will. Ach ja: Namen interessieren in diesem Zusammenhang nicht.
Nicht wirklich gut hatten es ein paar USPler, die auf dem Rückweg noch Bekanntschaft mit der Polizei machen durften, weil sie einigen Leuten im Zug angeboten hatten mit auf deren Wochenendticket zu fahren. Fand der Schaffner Grund genug die Polizei zu holen, was ja wohl komplett lächerlich ist. Ein kurzer Hinweis darauf, dass dies nach AGB der Bahn nicht erlaubt ist (in Zügen Reisegruppen zu bilden) hätte es ja wohl auch getan.
Amateure raus aus der Regionalliga ist eine Forderung, welche mal wieder von aktiven Gruppen in der dritten Liga erhoben wird. Untermalt werden soll das ganze mit einer Demonstration zum DFB Bundestag, welcher in Osnabrück stattfindet.
Die Forderung ist längst überflüssig, denn unter den heutigen Umständen kann es so nicht weiter gehen. Solange die Amateure frei über Profis verfügen können und es daher vollkommen unberechenbar ist, gegen welche Mannschaft man aufläuft, so lange ist einfach eine vollkommene Verzerrung des Wettbewerbes vorhanden. Mal ganz davon ab, dass die Mannschaften nahezu keine Zuschauer haben.
Ähnliches werden viele auch über unsere Amateure sagen und wahrscheinlich haben sie auch Recht. Selbst mit durchschnittlich 400 Zuschauern rangieren unsere Amateure in der Oberliga relativ weit hinten in der Zuschauergunst. Auch bei unseren Amateuren ist die Mannschaft immer wieder von Spielern der ersten Mannschaft verstärkt worden.
Klar, gerade ich schätze das Erlebnis Amateure, wo man sich entspannt und nett mit Leuten unterhalten kann und das Spiel auch mal zur Nebensache wird. Jedoch: Dieses Erlebnis könnte man auch in einer vernünftigen Reserverunde haben. Aber so lange es für die Fürsten der 1. und 2. Liga einfacher ist die Amateure am regulären Spielbetrieb teilnehmen zu lassen, so lange wird es nicht zu einer vernünftigen Reserverunde kommen.
Ich denke folgende Variante wäre die beste: 2. Mannschaften bis Regionalliga? Ja gerne, aber mit den Regeln wie früher: Spieler der ersten Mannschaften nur nach einer Sperre von ca. 3 Monaten. Und wenn jemand für die 1. Mannschaft gespielt hat, dann muss er auch gesperrt werden. Dazu gerne eine regionale Nachwuchsrunde, wo die Mannschaften der 1. bis 3. Ligsten aufeinander treffen. In dieser Mannschaft dürfen dann auch gerne alle Profis, A-Jugendlichen und auch Spieler der 2. Mannschaft eingesetzt werden ohne dass sie gesperrt werden. Klar eine optimale Lösung ist das auch nicht, aber ich denke das sich so die Amateure wieder besser über die Ligen verteilen.
Natürlich ist diese Entwicklung aber auch Folge eines riesigen Fehlers im System. Die Regionalligen sind einfach zweigleisig unsinn. Die früheren Oberligen waren interessanter und die Leistungsdichte gleich hoch. Aufgrund des geringen Einzugsgebietes gab es jeweils nur wenige (A) Mannschaften und alle waren zufrieden. Die jetzige Regionalliga ist halt eine halbe Sache, die dazu führt, dass es schief geht. Entweder eingleisige 3. Profiliga oder viele Oberligen mit A