Norbert regt sich auf vom 21.10.2004 (ha, endlich mal geändert ;-))
über
Das Lustprinzip
Berichte auf dieser Seite sind ein Produkt von sich ändernder Lust und Laune. Habe ich keine Lust, dann kann ich auch keinen Bericht schreiben. Habe ich Lust, dann schreibe ich auch einen Bericht über ein Oddsetpokalspiel. Ehrlich gesagt: Nach dem Wochenende hatte ich definitiv keine Lust irgendwas zu schreiben. Zwar war prinzipiell viel passiert, über das man berichten kann, aber nachdem ich ca. 10 Zeilen des Berichtes geschrieben hatte, stellte ich fest, dass ich irgendwie keinen guten Schreibtag erwischt hatte und stellte die Arbeit ein. Wenn ich jetzt hochtrabend sein wollte, dann würde ich von einer "Schreibblockade" sprechen, aber das wäre übertrieben.
Naja, allemal habe ich heute Zeit und Lust mal wieder ein paar Worte zu Papier (sic!) zu bringen. Eine kurze Nachbetrachtung zum Chemnitz- und BU-Spiel soll dabei genauso Thema sein wie eine kurze Betrachtung des Spieles gegen Willinghusen.
Gestern abend war es mal wieder so weit. Irgendein Dorfverein hatte das Glück, gegen den FC St. Pauli im Oddsetpokal spielen zu dürfen. "Dorfverein" soll hier bitte nicht verächtlich klingen, denn es ist immer wieder bewunderswert, mit welchem Stolz die Vereine die Spiele ausrichten.
Leider war das Spiel schon einmal abgesagt worden und auch gestern litt die Beteiligung an dem überaus schlechten Wetter. Mir Groundpointfreak wurde auch noch ein neuer Ground versagt, wurde das Spiel doch auf den Platz von Concordia verlegt. Und den habe ich nun schon häufig gesehen. Da ich aber lange nicht da war, wurde der Abend doch so etwas wie ein Besuch in einer bekannten Wohnung.
Der Tag wurde aber von einigen Aufgaben geprägt, die man dann aber doch irgendwie gelöst bekam. Erstes Problem: Wie genau kommt man zum Platz? Klar, liegt irgendwo in Wandsbek-Marienthal und da war ich auch schon unzählige Male. Aber zum einen liegt der letzte Besuch halt doch schon ein bisschen zurück, zum anderen fuhr sonst immer mein Papi und dann tut man andere Dinge, aber man achtet nicht gerade auf den Weg.
Naja, denk ich, kein Problem, wofür gibt es das Internet? Ein bisschen suchen und unter www.scconcordia.de findet man alle wichtigen Infos zu Cordi. Auch eine Karte, die "Lageplan" umschrieben ist. Und nun kommt es: Auf dieser Karte ist nicht etwa das Stadion irgendwie gekennzeichnet. Nein! Das Vereinsheim wird mit einem grossen Wappen gekennzeichnet. Wie würde Surfer sagen? "Das ist mein Cordi". Dieses liegt aber eine Seitenstrasse vom Stadion entfernt. Okay, wenn man sich dann die Karte genauer anguckt, entdeckt man das Wort "Sportplatz" so dass der restliche Weg nicht wirklich schwierig war.
Es regnete in Strömen, ich war mal wieder viel zu früh da und stand nun vor der Wahl Sitz- oder Stehplatz. Eigentlich bei mir ein absolutes Dogma, aber im Hinblick auf das wirklich grauenhafte Wetter und aufgrund meiner Erkältung, entschied ich mich dann doch für Sitzplatz. Alles mit der Prämisse: Wenn das Wetter besser wird, kann ich immer noch stehen.
Auf dem Platz lief gerade ein Vorspiel von irgendwelchen Kindern, bekannte Gesichter waren noch nicht da und so entschied ich mich erstmal zu einem kleinen Rundgang. Das Stadion an sich hat eine sehr schöne Tribüne, die aufgrund ihrer gedrungenen Bauweise an englische Tribünen erinnert. Die Stehtraversen auf der anderen Seite haben garantiert mal verdammt vielen Leuten Platz geboten, befinden sich aber in einem schrecklichen Zustand. Ehrlich gesagt bin ich bei meinem kurzen Ausflug zweimal beinah gestolpert.
Neben der Getränkeversorgung befindet sich der Stammplatz des Fanclubs Concordia (ist schon irgendwie lustig, wenn man nur einen Fanclub braucht...), welcher mit so Art Tischen ausgestattet ist. Meiner Einer denkt natürlich sofort an Biertischchen, aber irgendjemand klärte mich im Laufe des Abends auf, dass die auch ne Kapelle haben und diese Tische daher wohl auch Notenständer sind.
Irgendwann sah man dann bekannte Gesichter und konnte sich einer gut einstündigen Diskussion über die Leistung unserer Spieler widmen. Komisch ist, dass doch relativ stark Einigkeit bestand. Dinzey wird nicht mehr Publikumsliebling auf St. Pauli, Adrion, Eger und Wojcik kämpfen immer und Ralph muss mehr nach vorne machen. Wobei gerade das letzte Thema nach Einnahme unserer Plätze doch sehr lange diskutiert wurde. Der Fehler liegt aus unser Hobbytrainersicht eher in der Taktik. Denn eigentlich marschiert immer Morena mit nach vorne, welcher aber aus unserer Sicht der schlechtere von beiden Innenverteidigern ist, wenn es denn um die Vorwärtsbewegung geht. Naja, da kann man wahrscheinlich auch 1.000 andere Ansichten haben. Man kann unserer Innenverteidigung Schwäche jedoch nicht vorwerfen, denn die Statistik spricht für sie. Auch wenn es Elvis nicht glauben wollte, wir haben die beste Abwehr der dritten Liga mit elf Gegentoren. Und das liegt insbesondere an einer überragenden Innenverteidigung.
Gedankeneinschub: Wie ist eigentlich die Vertragssituation der beiden? Denn lange wird es nicht mehr dauern, bis einige Zweitligsten mitbekommen, was für talentierte Abwehrspieler bei uns rumlaufen. Gedankeneinschubende.
Jetzt habe ich die zuviel gelobt und wahrscheinlich werden beide die Fehler zum 0-2 in Bremen machen. So ist das halt.
Der Anpfiff rückte näher. Und ausser einer Tom-Jones-Einlage nervte der Stadionssprecher mit der Ballermann-Stimmungshits-CD (keine Ahnung, ob es die gibt...). Lustig war, dass er kurz vor Beginn erstmal die Geburtstage aus diesem Monat bei der Gastmannschaft verlass und eine Gratulation vortrug. Finde ich eine sehr faire Geste. Dies ist uneingeschränkt positiv zu bewerten, auch wenn die erste Aussprache des Namens "Dinzey" vollkommen in die Hose ging.
Bei der Mannschaftsaufstellung war dem Stadionsprecher dann seine Nervösität anzumerken, so dass er teilweise viel zu laut vortrug. Aber immerhin gelang nun der Name Dinzey. Auch die Schiedsrichter wurden vorgestellt - logischerweise - aber auch unter Nennung ihrer Heimatvereine. Und da erlebte ich die nächste Überraschung. Bisher habe ich immer gedacht, dass ein Gespann im Amateurfussball aus einem Verein kommt. Dem ist aber anscheinend nicht so, denn unser Gespann heute abend kam aus drei verschiedenen Vereinen.
Bevor wir uns nun dem Spiel widmen konnten, machte ich noch einen Fehler. Ich verlieh meine Sitzplatzkarte. Soweit so unschön, aber eigentlich wollte ich die wieder haben. Das bekam ich auch hoch und heilig versprochen. Aber leider wurde dieses Versprechen auch gleich gebrochen. Okay, was lernen wir? Nicht noch einmal verleihen. So also wird szeneinterne Freundlichkeit also belohnt. Meinen Klogang kurz vor der Halbzeit konnte ich somit nur mit einer von Pieper geliehenen Karte begehen.
Kommen wir zum Spiel. Spannend sind solche Partien nicht gerade. Willinghusen stand mit der gesamten Truppe in der Defensive und hoffte entweder auf einen glücklichen Konter oder auf das Elfmeterschiessen. Und mal wieder zeigte sich, dass wir eben auch nur den viertschlechtesten Sturm der dritten Liga haben. Es ist für uns äusserst schwer das Spiel breit zu machen und dann entsprechende Räume zu schaffen. Insbesondere das Spiel über aussen ist an Ungefährlichkeit nicht zu überbieten. Der Versuch die Grundlinie zu erreichen und dann auf die Stürmer zu flanken wird eigentlich nie unternommen. Exkurs: Das geht schon die ganze Saison so und das obwohl wir mit Hanke und Boll eigentlich zwei Leute haben, die auch Kopfballtore machen können sollten. Exkursende. Erst kurz vor der Halbzeit fiel so das erlösende 1-0, geschossen von Boll, welcher wieder einmal einer der auffälligsten Akteure war.
Und als sich der Torhüter zusammen mit einem Abwehrsspieler kurze Zeit später das 2-0 ins Netz legte war das Spiel gelaufen. Danach musste Willinghusen etwas machen so dass Räume entstanden, welche dann auch gut genutzt wurden und zu einem 5-0 Sieg führten.
Das nächste Mal - liebe Spieler - seid ihr aber so nett und lasst ein 5-1 in der Schlussminute zu. Die Willinghusener hatten wohl eine Wette laufen (so klang zumindest der Stadionsprecher) und so wurde jeder Angriff in der letzten Viertelstunde heftig bejubelt. Genützt hat es aber nix.
Zur Stimmung. Für Willinghusen machten ein paar Herren in der Ecke Stimmung. Von uns war in der ersten Halbzeit ausser einem "Aux Armes" nichts zu hören. Nach der Halbzeit hatte sich USP auf der Tribüne gesammelt und es kam ein bisschen Stimmung auf. Erstaunlich dabei ein Wechselgesang über das Feld. Ich habe noch nie passiv einen mitbekommen, aber der war schon verdammt beeindruckend, auch wenn eigentlich nur wenige Leute mitmachten.
Kurz vor Abpfiff hatte ich dann genug gefroren und machte mich auf den Heimweg.
Einige Sachen sind doch bemerkenswert, auch wenn die Spiele schon eine ganze Zeit her sind. Ich möchte diese Anmerkungen kurz in Stichwortform darbieten:
Chemnitz:
Musikauswahl: Ich gebe gerne zu, dass es schwierig ist, die Musik bei Heimspielen auszuwählen. Sie soll allen gefallen, soll nicht zu aufdringlich sein und soll auch noch Stimmung machen. Schwierig. Hinzu kommen noch Gema-Gebühren, was meistens den Kreis der spielbaren Musik auf die Musik irgendeines Sponsors reduziert. Aber das Spielen dieser komischen Holzmichel-Nummer passt nun so gar nicht. Ehrlich gesagt: in ein Bierzelt passt die Nummer perfekt, da sie dann lustig ist und man sie mitgröhlen kann. Bei unseren Heimspielen fällt sie eher unter "Stimmungsmusik am falschen Ort".
Stadionansage: Die Ansage gegen rassistische und diskriminierende Sprüche war gut, richtig, überfällig, deutlich genug und einfach zu begrüssen.
Fanladen: Leute, kommt mehr in den Fanladen! Der Besuch lässt in letzter Zeit echt zu wünschen übrig. Insbesondere nach dem Spiel gibt es dort regelmässig lecker Essen, was als Grundlage für einen weiteren Kieztrip doch sehr hervorragend ist.
Randale im Chemnitz Block: Früher war Chemnitz einer der Ostvereine, die relativ wenig Pack mitbrachten. Aber die Zeiten haben sich geändert. Durch die Wahlerfolge der Nazis haben auch die "Straßenkämpfer" wieder Auftrieb erhalten und trauen sich aus ihren Löchern. Und so mussten wir Freitag mit ansehen, wie ca. 40 bis 50 Leute des nationalen Widerstandes in unserem Stadion rumrockten. Schön, dass die von der Polizei aufs Maul bekommen haben. Unschön, dass die Polizei verhindert hat, dass sie nach dem Spiel nochmal ordentlich einen aufs Maul bekommen. Verdient hätten es diese Schwachköpfe.
BU
Barmbeker Pöbel: Naja so legendär sind die BU Fans nun wirklich nicht. Ziemlich pöbelig (passend zum Namen) und teilweise Grenzen überschreitend. Denn ein "Barmbeker wehrt euch, geht nicht zu St. Pauli" ist auch in dieser Version ein verflucht mieser und doofer Spruch.
Randale: Warum es nach dem Spiel zu vereinzelnden Schlägereien kommen musste, ist mir vollkommen unverständlich. Noch unverständlicher ist mir, dass es anscheinend Leute gibt, bei denen die Lust auf Schläge über ein reines verteidigen weit hinaus geht. Denn wenn man sich dann die "Ruhmesgeschichten" anhört (und das muss man, da die ja offen in Stadien und im Fanladen laut ausgetauscht werden), dann fehlen da auch die üblichen Verteidigungen wie "das waren Nazis" etc. Würde man die Leute drauf ansprechen, dann garantiere ich euch, dass diese Verteidigungen garantiert wieder kommen würden. Sie stimmen aber nicht. Nein, vielmehr werden hier wahllos Leute provoziert oder gleich zusammengehauen, weil man Bock darauf hat sich zu prügeln. Das ist aus meiner Sicht peinlichster Hooliganismus und hat beim Fussball allgemein und bei St. Pauli im besonderen nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Das schlimme ist, dass solche Leute dann noch von vielen Leuten hofiert werden. Hier sollte sich jeder mal an die Nase fassen und fragen, ob es solche Idioten wert sind.
Bevor sich jetzt die falschen Angesprochen fühlen: Ich habe keine Probleme damit, wenn man sich verteidigt oder wenn ein Fascho das bekommt, was er verdient, nämlich einen auf die Fresse. Aber ich habe dann ein Problem damit, wenn das "Fascho" nur noch Vorwand ist, um sich bei beinah jeder Gelegenheit mit irgendjemandem zu hauen. Und man muss nun wirklich nicht auf jede dämliche Provokation eingehen oder sie erzwingen.
Das Trainingslager in Kuba: Laut Zeitungen von heute plant unser Verein das Wintertrainingslager in Kuba abzuhalten. Was mich daran stört? Auf den ersten Blick wenig, denn das Trainingslager soll von Sponsoren bezahlt werden. Und ob Trainingslager in warmen Gefilden sinnvoll sind, das soll der Trainer entscheiden. Und genau da kommt mein Problem: Das Trainingslager wird nicht etwa nach sportlichen Gesichtspunkten ausgesucht oder begründet. Nein der Ort des Trainingslagers wird danach ausgesucht, dass es ja zur Revolutionskampagne und zum "linken" Image des Vereines - kurz zum Kult - passen würde. Und das kann es ja wohl nicht sein, oder? Wenn wir nicht endlich aufhören, den "Kult" hinter sportliche Überlegungen zurückzustellen und endlich mal den sportlichen Erfolg und nicht den Erhalt eines - nie existent gewesenen - Kultes als Ziel zu definieren, dann finden wir den Kult langfristig in der Ober- oder Verbandsliga wieder. Kurz: Über den Ort eines Trainingslagers hat nicht ein Sponsor und schon gar nicht der Präsident zu entscheiden, sondern es hat ausschliesslich der Trainer und der Manager zu sagen, wo man trainieren soll. Und wenn der Trainer meint, dass Pellworm besser geeignet ist als Kuba, dann wird auf Pellworm trainiert, auch wenn dieses hausbacken und langweilig und eben nicht "Kult" ist.
Die Hamburger Morgenpost und das Hamburger Abendblatt: "Man ist niemals zu schwer für seine Grösse, aber man ist oft zu klein für sein Gewicht" hat Gerd Fröbe gesagt. Naja, und die MoPo zitiert diesen Spruch in ihrer Dienstagsausgabe (19.10) auf der letzten Seite. Soweit so gut, wenn nicht das Hamburger Abendblatt einen Tag später den gleichen Spruch auf seiner Frontseite zitiert hätte. Dumm