Norbert regt sich auf vom 7.2.2005

 

über

Wir sind Liga

oder Warum die Schiedsrichterleistung besser war, als die Zeitungen sie machen

Präskriptum

Ich bin diese Woche spät dran. Das liegt an einem vollen Wochenende und einem vollkommen verschlafenen Montag, nachdem ich den Montag frei hatte. Das kommt davon, wenn ein Beamter frei hat und dementsprechend von seinem Büroschlaf abgehalten wird.

Die Überschrift ist eine Reminiszenz an alte Zeiten und die Berichte der Intergalaktischen. Warum? Tja, das müsst ihr schon selber herausfinden.

Warum das Jolly bereits vor dem Spiel 2/3 seines Spieltagumsatzes gemacht hatte

Ich werde nie ein vorbehaltloser Freund von Freitagsspielen. Alleine schon, weil ich auf der Arbeit morgens vorher nix gebacken bekomme. So machte ich mich bei der Arbeit um kurz vor eins vom Acker, um dann unter verschlungenen und mit Samtpfoten gepflasterten Wegen um drei Uhr im Fanladen anzukommen. Die Poppenbütteler WG hatte sich als „Essen im Fanladen“-Lieferant verdingt, so dass ich die vorbereiteten Nudelsaucen in den Fanladen schleppen musste. Dies erwies sich insofern als schwierig, als der Fanladen bereits zu diesem Zeitpunkt ordentlich gefüllt war. Dies nicht nur mit bekannten Gesichtern, sondern auch mit Celts aus aller Herren Länder. Die meisten natürlich aus Gegenden, wo man ein vollkommen unverständliches Englisch spricht, aber auch Schweizer waren anwesend.

Da musste man ja – entgegen der üblichen Gewohnheiten – direkt mal vor dem Spiel ins Jolly gucken. Und dieses war um 16 Uhr schon knüppeldicke voll und von trinkenden Celts umlagert. Was hier abging, kann man nur bedingt beschreiben. Es wurde gesungen, es wurde getrunken, es wurde gefeiert. Höhepunkt war ein Typ, der plötzlich mit einem Motorradreifen reinkommt, sich diesen um den Hals tut und „Boys of the old brigade“ trällert. Sehr skurril. Leider soll es auch zu einigen unschönen Szenen gekommen sein, die wohl doch einige Leute sehr belastet haben. Ich habe davon nix mitbekommen, so dass ich dazu nix sagen kann. Es wäre nur schade, wenn diese eigenartige und einzigartige Freundschaft durch einige Deppen belastet werden würde. Insgesamt ist die Kommunikation mit den Celts nicht immer ganz einfach. Ich behaupte ja, dass mein Englisch ganz okay ist, aber mit diesem Irish/Scotish/English Mix kann ich nur bedingt was anfangen. So nahm ich drei Celts mit zum Jolly, die etwas orientierungslos waren, und ein Gespräch scheiterte einfach daran, dass ich sie nicht verstand. Genauso wenig verstand ich die Jungs vom CSC, die mir einen Anstecker geben wollten. Denn aus „Wannabatsch?“ ein „Do you want a badge?“ zu hören ist nicht ganz einfach.

An die Tresencrew des Jolly wurde bereits vor dem Spiel der „Arme Sau des Wochenendes“-Titel vergeben, was laut Auskunft einer Tresenkraft auch hart verdient war, hatte man doch Donnerstag schon bis 5 Uhr morgens aufgehabt. Anderseits hat das Jolly Freitag laut gestriger Auskunft ca. 2/3 seines normalen Umsatzes an einem Spieltag bereits vor dem Spiel gehabt. So etwas ist natürlich ein warmer Regen und in Zeiten, in denen man eine grössere Investition plant (dazu später mehr), sehr nützlich.

Zurück zum Fanladen und dann – zu spät! – zum Hähnchenverdrücken. Irgendwie war in der Kleinen Pause Chaos, und das Essen kam überhaupt nicht an'n Laden. Sehr ungewöhnlich, denn so voll war der Laden eigentlich nicht. Jetzt haben die schon immer einen etwas herben Charm, aber an diesem Freitag machten sie sich noch fröhlich gegenseitig an. Trotzdem bekam man irgendwann sein Essen und konnte nun zum Stadion aufbrechen.

Am Stadion noch kurz die überschüssigen Karten zu Under Construction gebracht, so dass sie auch das Spiel sehen kann, und die üblichen Rituale eingehalten. Dieses war diesmal etwas witzig. Da komm ich zu Tommy, und der ist gerade mit einem Typen beschäftigt, der seinen Mitgliedsantrag ausfüllt. Also zögere ich mit dem „Scheiss AFM“ etwas, was einen anderen Anwesenden dazu brachte, mir die Worte aus dem Mund zu nehmen. Ich also: „Genau, Scheiss AFM, das wollte ich schon immer gesagt haben“, was den Typ etwas stutzig machte, ob er nun seinen Mitgliedsantrag unterschreiben solle. Erst als wir ihn aufgeklärt hatten, dass es sich um ein Ritual handelt, schrieb er weiter.

Aber UPS (nein, hier wirklich lautmalerisch gemeint und nicht als Utrecht, Pöbeln, Saufen), was ist das? Sah auf den ersten Blick aus wie das Nachgetreten, aber das konnte nicht sein, die erscheinen seltener. Nein, ein neuer Stern am Fanzine-Himmel. „Der Chaot“ erblickte die Welt. Okay, wenn etwas von den Chaotikern (da ist der Name Programm) ist, dann erwarte ich Herz auf dem richtigen Fleck, viele Rechtschreibfehler, etwas Chaos und nette Berichte mit ordentlich Pilz dabei. So ungefähr ist das Zine auch. Ein Lektor wäre nicht schlecht, und das Layout ist noch etwas grosszügig, aber insgesamt ein Teil mit Zukunft. Und sah es vor kurzem noch so aus, als ob wir dauerhaft mit einem Fanzine, einem Ultrablatt und einer vereinspolitischen Postille auskommen müssen, so tut sich doch wieder was, und wir haben wieder vier Fanzines und eine Amateurstadionzeitung. Ich wünsche den Machern also viel Erfolg und alles Gute.

Im Stadion endlich wieder die normale Gegengeradenbesetzung. Es ist doch erstaunlich, wie anders die Gesichter zu den beiden Pokalspielen sind. Dazu passt auch, dass am Eingang Zettel verteilt werden, dass ab dem nächsten Spiel die Aufgänge freigehalten und mit entsprechenden Vorrichtungen versehen werden. Ein trauriger, aber auch längst überfälliger Schritt. Natürlich tragen die Zustände bei den Pokalspielen, aber auch bei den letzten Ligaspielen, wo man oben nicht mehr durch die Durchgänge gelassen wurde, dazu bei, dass so etwas nun leider endlich nötig ist. Blöcke mit diesen Einrissen sehen furchtbar aus, aber wenn es nicht anders geht und die Leute es nicht begreifen, dann ist es nicht anders möglich. Mal ganz davon ab, dass der DFB so etwas verlangt.

Zu Spiel und Stimmung: Die Stimmung war eigentlich ganz prächtig, wenn man einen doch zähen Spielverlauf mit einrechnet. Insbesondere die Wechselgesänge zu Beginn waren hammerlaut. Insofern darf man den Schreiber der Gazzetta doch auf Wechselgesänge ansprechen, obwohl der in Hinblick auf die Celts in der Süd meinte, man solle ihn nach dem Spiel lieber nicht drauf ansprechen. Leider kann man solche Sticheleien nicht mit einem Lächeln im Gesicht nach dem Spiel im Fanladen machen, da sich die Schreiber nicht outen. Schade eigentlich. Wäre hier wahrscheinlich sowohl für Schreiber, als auch für Leser lustig gewesen.

Das Spiel an sich plätscherte so dahin, war durch viele Fehlpässe und Unkonzentriertheiten geprägt. Trotzdem gewann St. Pauli absolut verdient. Und nicht nur – wie die Zeitungen es glauben machen wollen – wegen einem schlechten Schiedsrichter. Okay, das 1-0 war definitiv Foul am Torhüter, aber alle anderen kriegsentscheidenden Entscheidungen waren absolut in Ordnung. So muss man sich über eine Rote Karte nicht wundern, wenn man jemanden mit ausgestrecktem Arm schlägt. Und dass man Elfmeter bekommt, wenn man den Ball im Strafraum aufdribbelt, ist nun auch nicht gerade neu. In diesem Zusammenhang war der NDR (Fernsehen) mal wieder ganz grossartig. Sagt in seiner Zusammenfassung für die Nachrichten, es sei ein fragwürdiger Elfmeter gewesen, zeigt diesen aber nicht. Hättet ihr mal machen sollen, dann hätte man nämlich gesehen, dass er so fragwürdig nicht gewesen ist.

Auch die Notengebung der MoPo war mehr als lächerlich. Lechner eine 4 zu geben, obwohl der 90 Minuten die absolute Kampfsau mimt, ist genauso Unsinn, wie Ralle eine 2,5 zu geben, wenn dieser seine normal herausragende Form nicht erreicht. Ich behaupte mal, Coach Bergmann hat Ralle auch keine 2,5 gegeben, so wie er auf ihn nach dem Schlusspfiff einredete. Egal, Schwamm drüber. Ich fand auch Scharping gar nicht schlecht, ist er doch einer der wenigen, die bei uns mal einen Ball halten und dann auch wieder verteilen konnten. Und Meggle zeigte, wie man Elfmeter schiesst.

Nach dem Spiel ging es für mich zum Fanladen. Leider soll es noch zu einem Angriff auf die Emder gekommen sein und einem Diebstahl von Zaunfahnen. Nun war bei den Emdern sehr viel fragwürdiges Volk am Start und zeichnete sich auch noch durch Nazilieder nach dem Spiel aus. Dafür kann es auf St. Pauli nur eine Antwort geben, und die haben die auch bekommen. Nur (und jetzt kommt das grosse ABER) ist Flaggenklauen immer noch was anderes und aus meiner Sicht das Überschreiten einer Grenze, die nix mehr mit Nazis zurechtweisen zu tun hat. Insofern hoffe ich, dass die Täter eventuell ihren Fehler einsehen und die Flaggen schlichtweg über die jeweiligen Fanprojekte zurückgeben. Dies wäre aus meiner Sicht absolut angemessen. Und dabei ist es vollkommen egal, ob die Emder Gruppe nun fragwürdig ist oder nicht.

Nicht unerwähnt bleiben soll hier, dass auch die Emder im Stadion sich gepflegt daneben benahmen (ohne das jetzt als Aufrechnung zu erwähnen). Massig Pyrokram und das Werfen der Choreostöcke auf das Feld wird alleine dazu führen, dass die Regeln für Gästefans erneut verschärft werden. Und dies, obwohl man nach der Behandlung von uns in Emden (selbst die Mitnahme von Taschen wurde verboten), doch eigentlich dankbar sein sollte, dass man überhaupt etwas mitnehmen durfte.

Und wenn dieser komische Emder Stadionsprecher seine Fans zu Fairplay aufruft etc., dann hat das nach den Vorkommnissen im letzten Januar (damaliger Besuch mit unseren Amateuren) doch einen faden Beigeschmack. Details kann man im entsprechenden Bericht nachlesen.

Der Fanladen war auch nach dem Spiel gut gefüllt, und das Essen ging ordentlich weg. Langsam sind die Zeiten, in denen der Fanladen links liegen gelassen wurde, endgültig vorbei. Das Geschäft brummte, und so bleibt zu hoffen, dass uns der Laden noch lange erhalten bleibt.

Nun begann aber erst das richtige Abenteuer. Weil das Jolly mit den Celts seine Kapazitätsgrenze erreicht hatte, hatte Ballkult für diesen Abend auch das Spundloch in der Nachbarschaft angemietet. Und als Besonderheit gab es noch Astra für zwei Euro. Der Laden ist extrem plüschig und sehr geschmackvoll eingerichtet. Alles in Rot. Dazu gibt es hinten ein kleines Separée, und das Ganze zielt normalerweise eher auf eine homosexuelle Kundschaft. Lustig auch, dass sich vorne eine Garderobe befindet und der Garderobenmann die Tür per Summer öffnen muss. Der Laden rockte an diesem Abend aber St. Paulistyle, hatte man doch auch jollyerfahrene DJs mitgebracht. Es entwickelte sich eine fröhliche Party, die bei meinem Aufbruch um 2 Uhr noch im vollen Gang war und von vielen als legendär bezeichnet wurde. Bleibt nur zu hoffen, dass das Spundloch nun seine Rekordeinnahme erzielt hat und sich mit diesem Abend sehr zufrieden zeigt, obwohl der Tresen einige Dellen abbekommen hat und die Plüschsofas wahrscheinlich nun ein paar Liter Polsterreiniger verschlungen haben. Aber so wie der Schnaps und die Astras über den Tresen flogen, gehe ich davon aus, dass der Laden sich saniert hat. Der (Ex-)Capo musste bei seiner Ankunft warten, da der Laden überfüllt war, zündete sich gerade eine Zigarette an, als die Oberkörperfrei-Polonäse (diesmal vom Spundloch ins Jolly) an ihr vorbeizog und damit wieder für Platz sorgte.

War allemal sehr nett und sollte vielleicht beim nächsten besonderen Event wiederholt werden.

Nun begann der unschöne Teil des Abends. Da denk ich „bist mal clever, hast keine Lust umzusteigen, gehst mal runter zur S-Bahn Reeperbahn“. Gedacht, getan und um 1:55 das Ticket gelöst. Nun hörte ich gerade eine Bahn wegfahren, dachte aber „nun egal, kommt ja in 20 Minuten die nächste“. Denken ist Glückssache, denn ich hatte vergessen, dass aufgrund von Bauarbeiten nur ein Pendelverkehr zwischen Hasselbrook und Altona verkehrte. So musste ich doch einmal umsteigen, was meine Stimmung schon arg belastete. Nun war es so, dass der nächste Pendelzug nach Hasselbrock in 15 Minuten kommen sollte. Eine Zeit, die man ja noch ganz entspannt überbrücken kann. In Richtung Altona stand noch gar keine Zeit dran. Die Uhr lief bis 4 Minuten ganz normal rückwärts, ruhte sich dann aber auf der Angabe „4 Minuten“ ca. 25 Minuten aus, um dann wieder auf 14 Minuten zu springen. Na super. In Richtung Altona tat sie das gleiche bei 10 Minuten, um dann innerhalb von einer realen Minute auf 5 Minuten zu springen. Nun ja, irgendwann kam eine Bahn und über Altona kam ich nach Poppenbüttel. Ankunftzeit im Bett: 3:53 Uhr. Hammer.

Über Samstag kann ich nix berichten, das Spiel der Amateure fiel aus, und die Celticparty habe ich gepflegt geschwänzt und mir den Elmenhorster Karneval gegeben. Bilder dazu auf der Fotoseite.

Und dann war da noch

… das Jolly Roger und Ballkult e.V., welche über dem Jolly eine Pension/Hostel/Schlafgelegenheit einrichten. Das Ganze ist gerade in der Bauphase und soll Schlafgelegenheiten unter 20 Euro bieten. Eröffnet werden soll das Ganze im April/Mai. Zur Zeit sind aber noch Umbauten fällig. Wer also Zeit, handwerkliche Fähigkeiten und Lust hat, der kann sich garantiert bei Ballkult melden, die freuen sich garantiert über Hilfe. Das Ganze ist auch finanziell ein ganz ordentliches Wagnis, so dass man dem Verein nur wünschen kann, dass sie damit Erfolg haben. Nebenbei sind damit 2/3 der damaligen Idee, ein Haus für Fans zu schaffen, erfüllt. Es gibt eine Kneipe, es gibt Übernachtungsmöglichkeiten, fehlt nur noch der Fanladen im gleichen Haus. Wäre natürlich ein traumhaftes langfristiges Ziel, wenn das Herz von St. Pauli komplett in der Budapester Straße 44 schlagen würde. Ich drücke dem Verein alle Daumen. Der Verein sucht nebenbei auch immer Mitglieder. Details erfährt man über die Internetseite des Vereines.

… der Sonderentlastungszug nach Lübeck, zu dessen Nutzung hier noch einmal aufgerufen sei. Man kann nur hoffen, dass es in diesem Zug gesittet und friedlich abgeht. Denn sonst haben wir bald Verhältnisse, wie wenn Hansa Rostock spielt, wo der BGS (die Polizei des Bundes) doch sehr massiv in den Zügen vertreten ist (so am eigenen Leib erfahren, als wir zu Rostock – 1860 fuhren).

… die Fans von Hansa Rostock (wenn wir schon beim Thema sind), welche die Spielabsage in Braunschweig teilweise sehr entspannt, teilweise sehr peinlich hinnahmen. Während ein grosser Teil sichtbar in Wolfsburg hoppen gegangen ist und auf Premiere auch positiv erwähnt wurde, meinte ein anderer Teil, in Stendal vollkommen hemmungslos randalieren zu können. Was soll so eine Scheisse? Erneut sind damit alle Repressionen gegen Fussballfans gerechtfertigt worden. Nur aus Frust, weil mal ein Spiel ausfällt? So etwas passiert halt mal.

… Lok Leipzig Fans, die bei einem Spiel ihrer A-Jugend gegen die A-Jugend von Sachsen Leipzig ohne Witz ein menschliches Hakenkreuz im Block bildeten. Es gibt Fotos davon, auf denen das Hakenkreuz deutlich zu sehen ist. So etwas ist kein Spass, keine Provokation, sondern zeigt einfach, was für Geistes Kind die Anhänger von Lok sind. Der Präsident erblödete sich dann auch nicht, in der Presse zu sagen man sei ein „unpolitischer“ Verein und so etwas sei noch nicht passiert. Vielleicht hätte er eher mal sagen sollen, dass er gegen Nazis und gegen Rassismus ist. Denn es geht hier nicht um Politik, es geht um das Zeigen von Symbolen absolut menschenverachtender Ideologien. Oder hätte er gleich reagiert, wenn die ein grosses „SPD“ gebildet hätten? Mir ist da zuviel Relativierung drin. Aber immerhin hat man wohl mit Hausverboten reagiert. Wie überzeugend die durchgehalten werden und ob Lok vielleicht wirklich mal offensiv (politisch) gegen Nazis und