Norbert regt sich auf vom 8.5.2006 (!!!!)
über
Essen? Lieber vergessen
Wahrscheinlich ziemlich letztmalig kommt heute mein Zweitverein zu seinem Recht und so schreibe ich euch aus einem ICE, welcher mich nach München bringt. Warum zum letzten mal? Na, würdet ihr noch zu St. Pauli gehen, wenn wir im Gegenzug für eine Finanzspritze des Lokalrivalen gezwungen wären, selbst in der Regionalliga in der komischen Arena (zur Zeit je nach Tag auch AOL Aren oder Are genannt) spielen zu müssen? Die ICE Strecke zwischen Köln und Frankfurt ist nebenbei eine Reise wert. So modern, dass man Handyempfang im Tunnel hat und dass der Zug da mit 300 km/h durchknallt.
18 Auswärtsspiele standen diese Saison an und mit Essen beging ich das 18., bei dem ich anwesend war. Grund genug mir am Freitag für meine persönliche Feier eine Flasche Champagner zu gönnen. Eigentlich ist so etwas natürlich für Aufstiege oder ähnliches reserviert, aber mangels Gelegenheit musste meine persönliche kleine Feier für ein Schlückchen als Grund herhalten.
Dank perfektem Fahrservice kam man um 7:45 am Bahnhof Altona an und musste zwei Schocks wegstecken. Schock Nr. 1 war, dass die Bahn bereits im Gleis stand, Schock Nr. 2 dass uns ein Trupp Knüppeltruppe des ehemaligen Bundesgrenzschutzes begleiten sollte. Gerade letzteres führte zu erheblicher Unmut unter den Teilnehmern. USP handelte lobenswert konsequent, liess den Zug Zug sein und machte sich per regulärer Bahn auf den Weg nach Essen. Uns selber fehlte diese Konsequenz, und so musste man mit dieser Nerverei leben.
Und das bleiben Polizisten im Endeffekt. Nun ist es so, dass man einige davon echt bemitleiden kann, denn teilweise waren die Jungs und Mädels vollkommen locker drauf und das trotz, dass sie uns im Zug begleiten durften nur um dann direkt wieder mit dem Zug zurückzufahren (sprich nicht mal die Möglichkeit hatten, vielleicht ins Stadion zu gehen). Teilweise tue ich mich mit dem Mitleid aber auch schwer, wenn die schon am Bahnhof Altona ein Gesicht wie ein Rottweiler aufgesetzt haben. Grundsätzlich können diese unteren Chargen aber nix für die vollkommene Durchgeknalltheit ihrer Dienstherren. Denn - um dies vorweg zu nehmen - die Anwesenheit war ungefähr so überflüssig wie die Idee, das Spiel St. Pauli - Altona zum Sicherheitsspiel zu erklären.
Ich nutzte meine Zeit um durch den Zug zu gehen. Die Skins sorgten im letzten Waggon für ein absolut perfektes Getränkecatering. Um jedoch dahin zu kommen musste man durch den Waggon von UPS, welcher kollektiv mit Deutschland Mützen unterwegs waren. Wer von denen schon wieder diesen provokativen Gag sich ausgedacht hat, ist mir nicht bekannt, aber mit den Fotos neben den veröffentlichten kann ich nun noch einige Leute erpressen :D Ach ja: Und ich habe nun zum ersten Mal in meinem Leben irgendetwas in der Tasche, welches schwarz-rot-gold ist. Ich glaub ich trag das am 20.6. im Fanladen. Zusammen mit meinem Englandtrikot :-)
Weiter ging es durch den Zug. Die Breite Masse überzeugte durch einen sehr hübsch geschmückten Waggon, welcher mit einem exellenten Essensbüffet komplett ausgestattet war. Und wenn man nett fragte, dann war es eigentlich kein Problem, dort was abzubekommen.
Irgendwann war der Zug zu Ende und durch die Glastür am Fahrerstand wollte ich ein paar Fotos machen. Und siehe da, die Bahn erwies sich als super freundlich, fragte die Dame neben dem Fahrer mich doch, ob ich kurz mal nach vorne und Fotos machen wolle. Ich wollte und der Fahrer meinte, er mache auch noch mal extra die Scheibe sauber. Okay, hat nicht viel gebracht, aber immerhin :-)
So, noch kurz den Champagner alle gemacht, etwas länger in der Kloschlange gestanden und dann war man auch schon in Essen. Der Zug sah bei meinem Durchgang noch ganz okay aus, allerdings war schon wieder viel zu viel Bier verschüttet worden.
In Essen wurde man erneut mit einem riesigen Polizeiaufgebot empfangen, was einen eigentlich nur kopfschütteln lässt. Der Transport zum Stadion sollte per Bussen erfolgen, direkt in die Gästekurve, wobei immer nur so viele Leute in die Busse durften, wie Sitzplätze im Bus sind. Ich seilte mich ab und nutze ein Taxi, damit ich vor dem Stadion die Diskussion mit der Polizei vermeiden konnte.
Kurze Zeit später fand ich mich mit einem atmungsaktivem Leibchen im Innenraum des Georg Melches Stadions wieder. Essen lässt sich absolut nicht lumpen was das Essen für die Journalisten angeht. Es gab ein gemischt warmes und kaltes Büffet - nicht schlecht für einen Regionalligsten.
Habe ich nur bedingt gekostet und suchte mir eine Fotoposition. Der Innenraum ist verdammt eng in Essen, so dass dies nicht ganz einfach war. Insgesamt handelt es sich bei dem Stadion immer noch um eines der sehr schönen Stadien, dessen einziger Nachteil ist, dass die eine Seite nie gebaut worden ist, so dass eine Seite offen ist. Der Gästeblock ist umgezogen. Befand er sich vor zwei Jahren noch hinter dem einen Tor, so befindet er sich nun in der Gegengrade direkt an der Eckfahne. Das ist wohl auch ganz sinnvoll, denn das vorherige Vorbeigehen aller Essener am Gästeblock war garantiert nicht Fantrennung im Sinne des Erfinders. Nach den Schilderungen, die ich durch den Zaun erhielt, gab es weiterhin Schikane. So wurden Frauen zwischen die Brüste gefasst und ein Mitreisender meinte nur, es sei so schlimm, wie er es noch nie erlebt habe. Gut, kann ich nicht beurteilen, aber auch im Innenraum machten die Ordnerschränke die ganze Zeit einen hektischen und unfreundlichen Eindruck.
Aber immerhin nahmen sie eine Nazifahne ab, die neben dem Block an die offene Seite gehängt worden war. Als die hing kam es aber auch zu erheblichen Protesten im Gästeblock. Und wer auf ein gepflegtes “Nazis raus” mit einem Fuckfinger (so wie der Fahnen-Aufhänger, der am Gästeblock vorbeispazierte) reagiert, der offenbart ja mehr als deutlich, wessen Geistes Kind er ist.
Zum Spiel: Anfänglich mit Notelf noch ganz gut mitgespielt, dann zwei dumme Fehler und schon war das Spiel entschieden. Danach wollte Essen nicht mehr und St. Pauli konnte nicht mehr. Insgesamt ein lauer Sommerkick, der einen nicht wirklich vom Hocker riss.
Die Stimmung hingegen muss für jeden Geniesser von Fussballgesängen ein Genuss gewesen sein. Der St. Pauli Block anfänglich etwas gehemmt, da ohne USP, aber nachdem USP angekommen war (nebenbei unter grossem Jubel des restlichen Blocks), ging da doch ordentlich der Punk ab. Und dies auch nach 0-2 Rückstand so laut, dass ich in der 2. Halbzeit, während ich in der Essen-Kurve stand, den Block gut hören konnte. Und dies obwohl auch auf Essener Seite natürlich beste Stimmung herrschte.
Gut, dass reichte dann auch und weg hier. Mit Abpfiff hatte ich schon das Stadion verlassen und konnte nur von aussen sehen, dass die Mannschaft sich noch Applaus vor der Kurve abholte. Ich machte mich nun langsam zur Bahn auf und liess dabei trödelnd den Essener Hauptmob an mir vorbei gehen. Und ich kann euch sagen: Essen sollte mal überlegen, ob man gewisse Insignien nicht bei den eigenen Fans verbietet. So lief u.a. ein Typ an mir vorbei, der einen Reichskriegsflaggenschal trug, ein anderer ein Polohemd mit einer aufgestickten “88”, auch Teile der örtlichen Hooltruppe defilierten an mir vorbei, vorne die übel aussehenden Hauer und dahinter wie in einem schlechten Film die jüngeren Mitläufer. Die Gästefans sollen am Bahnhof mit solchen Nasen auch noch Bekanntschaft gemacht haben, aber Details erschliessen sich mir logischerweise nicht.
Irgendwann hielt ein Taxi neben mir und ich kam zum Bahnhof. Von dort ging es mit der S-Bahn nach Düsseldorf, wo ich ein Hotel gebucht hatte. Und auf der Strecke kann man sehen, dass Essen doch einige sehr hübsche Ecken hat. In Düsseldorf angekommen, wurde nicht etwa die Altstadt von mir besucht, sondern ich zog eigentlich nur noch die Decke über den Kopf und schlief.
Nachtrag: Was man aber sagen muss ist, dass das Stadionheft der Essener grosse Klasse ist. Insgesamt hochinformativ, mit vielen redaktionellen Beiträgen. Nur leider haben wir schon eine ganze Zeit keine 20.600 Plätze mehr im Stadion und unser Geschäftsführer ist auch nicht mehr Frank Fechner. Aber sonst: Grosse Klasse! Insbesondere der Statistikteil. Und wer sich wundert, warum solche Vereine grössere Etats stemmen können als wir, der guck sich mal die Anzahl der Sponsoren an. Unglaublich, wie viele die haben.
Und wie es heute weiter geht, weiss ich noch nicht (Nachtrag: wer den Rest der Story wissen will, dem sei mal ein Blick auf www.wbtenten.de empfohlen ;-)). Nun sitze ich irgendwo hinter Stuttgart im ICE und werde erstma