Norbert regt sich auf vom 29.5.2006 (!!!!)

 

über

Beruhigungsmittel mit sieben Buchstaben?

Polizei!

oder „St. Pauli“

Vorwort

Eine enttäuschende Saison geht zu Ende. Und auch wenn ein Pflichtspiel noch aussteht ist es aus meiner Sicht bereits Zeit, ein Fazit zu schreiben. Sagen wir es mal ganz deutlich: wenn das Spiel Mittwoch nicht gewonnen wird, dann kann man die Spieler nur mit Schimpf und Schande vom Platz jagen und vielleicht doch noch das „Danke für nix“-Plakat beim Lokalrivalen ausleihen.

Wie üblich möchte ich beim letzten NRSA einer Saison wieder eine subjektive Spielerbewertung abgeben. Einen sonst irgendwie gearteten Rückblick auf die Saison möchte ich mir jedoch sparen. Es gab Highlights, es gab lowlights, aber es gab wenig was uns als Fanszene oder Verein wirklich auf Jahre prägen wird. Das einzige immer trauriger werdende ist, dass wir immer mehr aktive Leute an Stadionverbote verlieren bzw. verlieren könnten. Leider ist im Kampf gegen diese Keule (die vollkommen unterschiedslos für alle Vergehen ausgesprochen wird) nicht viel erreicht worden auch wenn zumindest in unserem Verein sich ein Anhörungssystem entwickelt hat. Wie das bei anderen Vereinen läuft kann man mal wieder am Beispiel von Bayern sehen. Wenn alles gut läuft dann häng ich an diesen Bericht einen offenen Brief eines Bayernfans an, der sehr eindrucksvoll ist. Auch zur Stadiondiskussion und zu den „No-go-Areas“ werde ich mich äussern.

Aber zuerst gibt es da noch ein Spiel gegen die Zweitvertretung des Lokalrivalen abzufrühstücken.

Ehre?

Es stand mal wieder das blödeste Spiel der Saison an. Da kann man jedem Lokalrivalenfan nur bepflichten. Das ist kein Derby und da hilft alle Freude über einen Sieg nichts, der Lokalrivale ist uns um Jahrzehnte enteilt. Und dies obwohl wir zu Beginn der 90er Jahre beinah mal auf Augenhöhe waren.

Der Tag begann – wie so üblich – im Fanladen, wo nur ein kurzes Hallo eingeworfen werden konnte, denn Tickets für irgendwelche Fahrten mussten nicht besorgt werden. Für Breda fall ich leider durch eine Hochzeitseinladung aus, aber da werdet ihr auch ohne mich Spass haben.

Danach ging es – wie üblich – zur Kleinen Pause. Eigentlich war geplant diesen Laden nicht mehr jede Woche zu beglücken, aber irgendwie kommt es nie dazu, dass wir uns einen neuen Laden suchen. Aber immerhin bekommt nun nach zwei Jahren Trulline ihren Cheeseburger auch ohne Tomaten, so dass ja schon ein Fortschritt erkennbar ist. Wahrscheinlich werden wir auch nächste Saison Hähnchen und anderes Junkfood futtern, mal abwarten.

Auf dem Weg zum Stadion dann noch kurz mit meinem persönlichen Polizisten geschnackt, was wahrscheinlich bei einigen Leuten zu Vermutungen führen wird, dass ich Polizeispitzel bin, aber für deren Verfolgungswahn kann ich nur wenig.

Die Hamburger Polizei hatte auch ungefähr alles aufgeboten, was die so an Leuten im Aufgebot hatten. Ob dies bei einem solchen Spiel wirklich vonnöten ist sei mal dahin gestellt, denn selbst wenn man grosszügig zählt hatte der Lokalrivale unter den ca. 2000 Leuten vielleicht 100 bis 200 Vollidioten (dazu aber später mehr).

Im Stadion gab es offiziell kein Bier, jedoch wurde das Verbot gepflegt umgangen. Zum einen dadurch, dass es direkt vor dem Eingang mehrere Bierstände gab, die auch Vollbier ausschenkten, zum anderen gab es auch „unterm Tresen“ reichlich Vollbier. Es ist schon ein bisschen bedenklich, wenn vom Nahrungsmittellieferanten das Verbot so konsequent umgangen wird.

Leer war es - trotz des offiziellen „Ausverkauft“. Vor dem Stadion wurden reichlich Karten angeboten und auch auf der Gegengrade klafften deutliche Lücken. So konnte man sich ganz entspannt in Richtung Fotoecke aufmachen.

Intromäßig gab es auf Seiten von St. Pauli ein Soliplakat, dessen Hintergrund ich nicht weiss (leider habe ich dazu auch nix in der Gazetta oder Gegengrade gefunden, wenn es da nicht stand => Verbesserungshinweis, da echt viele Leute nach dem Sinn fragten; wenn es da stand => überlesen). Auf Seiten der Lokalrivalenfans gab es ein paar Flaggen und Zaungerüttel. Bei letzterem sind wir dann bei den ca. 100 bis 200 Vollidioten. Ich weiss nicht so richtig, was die mit ihrem Gerüttel am Zaun bewirken wollten. So marode, dass unser Stadion gleich zusammenfällt, ist das Ganze nun doch noch nicht. Also konnte es nur die Wirkung haben, die dann auch eintrat, nämlich dass sich die Lokalrivalenfans den Rest des Spieles in einem Polizeikessel angucken konnten. Ich als normaler Lokalrivalenfan hätte mich bei diesen Schwachköpfen echt bedankt. Dementsprechend gehemmt blieb auch die Stimmung auf Seiten der Lokalrivalen

Polizeilich erstmal unbehelligt blieb die „Auf der Haupttribüne sitzen, Militärjacken tragen und böse gucken“-Fraktion der Lokalrivalen. Da waren die auch noch gut am Rumhampeln und singen. Als sie dann später ebenso von Polizei eingekesselt waren, sassen sie eigentlich nur noch ruhig auf ihren Plätzen (mit einigen Ausnahmen). Daher dann die Überschrift. Man könnte aber eben auch unser Team nennen, denn die spielten absoluten Schlafwagenfussball.

Insofern kam so etwas wie Stimmung auf St. Pauli-Seite auch nicht auf. Weder vom Feld noch von den Ultras sprang ein Funke auf das restliche Publikum über. Erst ganz spät, als die Nordkurve mit Wechselgesängen anfing, wurde es noch mal laut. Etwas erstaunte Blicke auf dem USP-Turm, aber insgesamt klappte das hervorragend. Insbesondere schaffte es die Nord durch ihre besseren Lage, mal das ganze (Rest-) Stadion zum Antworten zu bringen.

Danach feierten also die Lokalrivalenfans den Klassenerhalt, während bei St. Pauli nur ein höfliches Klatschen für eine erneut schlechte Saison übrig blieb. Ganz interessant die Verabschiedungen vor dem Spiel: Ralle wurde mit viel Applaus bedacht, während Hollerieth gar nicht erst verabschiedet wurde. Der scheint jegliches Tischtuch mit dem Verein zerschnitten zu haben. Luz wurde nicht verabschiedet, aber seine Gesten bei der Auswechselung zeigten doch deutlich, dass er wohl gehen wird.

Im Spiel zeigten alle Spieler (ausser vielleicht Meggle), dass man sich für Worte wie „Ehre“ oder „Wichtig für Fans“ nicht anstrengen muss. Dementsprechend war das Spiel super arm und durch zwei Zufallstore geprägt. Takyi zeigte, dass er der absolut richtige Neueinkauf ist. Eine Chance vergab er unglücklich, eine kläglich. Passt somit perfekt für ein Team, was nächste Saison ja sowieso wieder nur Platz 6 erreichen wird. Nebenbei hielt er sich bei der Humba der Lokalrivalenfans (die eigentlich nur aus „Scheiss St. Pauli“ bestand) merklich zurück.

Nach dem Spiel ging es über Wolkenbruch in den Fanladen, dann im trockenen ins Jolly um dann auf dem Weg ins Knust erneut nass zu werden, wo man dann mit einem Ohr den Bands lauschte (vollkommen langweilig aus meiner Sicht), sich nett unterhielt und mit einigen Spielern (insbesondere Luz, Hauke, Lechner, Meggle und Boll habe ich noch sehr lange gesehen) die Saison ausklingen lies. Hauke wird nebenbei noch rot, wenn irgendjemand „Es gibt nur ein(en) Hauke Brückner“ singt. Wundert sich dann jemand, warum der hier so geschätzt wird, auch wenn nicht immer alles rund läuft?

Die Spielerbewertung

Zur Erklärung: Alles sehr subjektiv. Es werden nur die Spieler der ersten Mannschaft behandelt. Alles was zur 2. Mannschaft gehört kann im Amateur nachgelesen werden. Und da wir viele Spieler abgeben, hab ich das ganze mal als Verkaufsangebot mit Preis konzipiert.

Achim Hollerieth

Stärken: Gut auf der Linie, im Herauslaufen solide. Immer noch einer der besten Torhüter der 3. Liga

Schwächen: schwer zu integrieren, langsam zu alt, verletzungsanfällig

Kaufpreis: 0 Euro, ablösefrei und noch ohne neuen Verein

Florian Lechner

Stärken: Killerflanken und Killerschüsse aus der 3. Reihe

Schwächen: Seine Stärken erscheinen nur ab und zumal

Kaufpreis: Unverkäuflich, hat bei uns verlängert

Ian Joy

Stärken: Ist ein netter Kerl. Kann Aussenbahn dicht machen

Schwächen: Zu schwankend

Kaufpreis: Ich habe keine Ahnung, kenn nicht mal seine Vertragssituation

Fabio Morena

Stärken: Ablaufen, umhauen, dicht halten.

Schwächen: Vorwärtsbewegung, auf dem Platz zu ruhig

Kaufpreis: Als Kapitän absolut unverkäuflich. Ich denke ab 10 Millionen von Real Madrid würden wir mit uns reden lassen.

Persönliche Anmerkung: Langsam aber wirklich auf dem Weg in die Legendenabteilung des FC St. Paulis. Ich kann mir nicht erklären, warum er erneut verlängert hat. Das er keine Angebote von höherklassigen Vereinen bekommen hat, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Er ist zwar unspektakulär, aber er hat die ganze Saison auch nicht wirklich Fehler gemacht. Wurmt es ihn persönlich, dass der Aufstieg nicht gekommen ist? Oder fühlt er sich hier so wohl? Beides lässt sein Ansehen bei mir immer mehr wachsen. Ich bin froh, dass er erneut zwei Jahre an Bord bleibt.

Hauke Brückner

Stärken: Einsatz, Wille, blaue Augen

Schwächen: In der Viererkette deutlich schwächer als auf der „6“, immer mal wieder mit einem Bock drin. Schwankte doch in seiner Leistung

Kaufpreis: Unverkäuflich. Irgendwie ein Teil des Vereines. Hoffentlich noch lange.

Michel Mazingu-Dinzey

Stärken: Der Knipser schlechthin.

Schwächen: Pressearbeit, Integrationsfähigkeit, Leistungskontinuität

Kaufpreis: Hat verlängert, aber wenn jemand mehr bietet und eine vernünftige Ablöse (5-stellig), dann würde der FC St. Pauli garantiert mit sich reden lassen.

Dennis Tornieporth

Stärken: Die Killerflanke

Schwächen: Im Herzen wohl ne Raute, zu schwankend

Kaufpreis: Keine Ahnung, meines Wissens ablösefrei. Aber für einen Appel und ein Ei auch bei laufendem Vertrag zu haben

Khvicha Shubitidze

Stärken: Kann alles, ausser vielleicht Kopfballtore

Schwächen: Zeigt häufig nix

Kaufpreis: Ablösefrei

Sebastian Wojcik

Stärken: Kampfsau, Kreuz, Einsatz

Schwächen: zu wenig Tore

Kaufpreis: Leider schon verkauft, Wilhelmshaven wird sich glücklich schätzen über einen Fighter im Abstiegskampf

Thomas Meggle

Stärken: kann alles, torgefährlich

Schwächen: zu häufig verletzt

Kaufpreis: Leader of the pack. Eigentlich unverkäuflich, ausser es bietet irgendjemand ein paar hunderttausend.

Philip Albrecht

Stärken: Super netter Kerl

Schwächen: das Knie

Kaufpreis: Unbezahlbar wäre es, wenn er noch Spielen könnte. Tschüss Albi

Timo Schultz

Stärken: Kampfgeist, Einsatz, Lauffreude

Schwächen: Jedes 5. Spiel gelbgesperrt.

Kaufpreis: Unverkäuflich. Alleine schon für seine Vorbereitung des 2-0 beim Lokalrivalen noch lange in schöner Erinnerung.

Marcel Eger

Stärken: Stellungsspiel, Zweikampfhärte, Kopfballstark

Schwächen: Das Knie, die Frisur

Kaufpreis: Unverkäuflich. Wird nächste Saison hoffentlich häufiger tanzen und nicht wieder sich verletzen

Ive Sulentic

Stärken: Flanken, Hammerschuss

Schwächen: Zeigt er nur drei bis viermal pro Saison

Kaufpreis: Umsonst, hat noch keinen neuen Verein

Heiko Ansorge

Stärken: Einsatz, Schwiegermutterliebling, Talent

Schwächen: Irgendwie langt es nicht für Liga drei

Kaufpreis: Ablösefrei, hat noch keinen neuen Verein. Für 4. Liga gut geeignet, wie er an der Schanze häufig zeigte

Frank Dröge

Stärken: Der isst auf, netter Kerl

Schwächen: Das Knie, die Folge von Aufessen

Kaufpreis: Soll wohl weiter bei uns unter Vertrag sein, soll noch mal kommen. Ist aber schon länger verletzt als Eger und bisher nicht wieder fit. Mal abwarten

Felix Luz

Stärken: Kopfballspiel, Einsatz, Torgefahr

Schwächen: Zu wenig im Kopf, zu schnell beleidigt, zu schnell die Diva

Kaufpreis: Wohl schon mit Köln einig, aber ab 600.000 Euro sprechen wir mit jedem

Fabian Boll

Stärken: Kämpfen, laufen, ackern und ab und zumal einen gepflegten Pass spielen

Schwächen: zu selten kommt der gepflegte Pass, hat Zweitberuf

Kaufpreis: Wenn er klug wäre, bliebe er in der 3. Liga höchstens und bleibt bei seinem Beruf, hat aber schon mal geäussert, dass er für 2. Liga diesen aufgeben würde (Fabian, lass es!), ansonsten aber als einziger wirklich szenekundiger Beamte absolut unverkäuflich

Benjamin Adrion

Stärken: Wasser, hat was im Kopf, Frauen

Schwächen: Wasser, hat was im Kopf, verletzungsanfällig

Kaufpreis: Ablösefrei, will aber nicht wirklich weg.

Jenton Arifi

Stärken: Schnell, Ballsicher

Schwächen: absolut keine Torgefahr

Kaufpreis: Als Talent (da immer noch super jung) unverkäuflich, kommt noch (hoffentlich)

Vivaldo Nascimento

Kein Kommentar

Ralph „Ralle“ Gunesch

Stärken: Felgen, Aussenbahn, schnell, Gyros, Ablaufen, super netter Kerl, kein Alkohol

Schwächen: Die Vorwärtsbewegung, die Aussenspiegel (der Witz muss nun noch einmal totgeritten werden)

Kaufpreis: Zu spät. Kloppo war schneller

Persönliche Anmerkung: Den Sprung zur absoluten Legende hat er vielleicht auch durch sportliche Erfolglosigkeit des Teams verpasst. Dafür hätte er hier vielleicht auch länger bleiben müssen. So bleibt er mir als offener, sehr netter Mensch in Erinnerung, der sich für Fans interessiert und auch diese Berichte regelmäßig las und kommentierte. Man kann für ihn als Menschen nur hoffen, dass er es bei Mainz schafft. Alles Gute!

Benedikt Pliquett

Stärken: Auf der Linie, er ist GROSS

Schwächen: Strafraumbeherrschung, er ist GROSS

Kaufpreis: Is unser, digga. Kann sich durch Gehaltserhöhung auch bei uns das Tuning für seinen PT Cruiser leisten (und eine neue Alarmanlage, die aktuelle ist ja echt grausam :-D)

Robert Palikuca

Stärken: er als Stürmer

Schwächen: er als Verteidiger

Kaufpreis: zu spät, trinkt nächste Saison Altbier statt Astra

Persönliche Anmerkung: Ich mag ihn. Hat mal in Buchholz für eine sehr schöne Fotoserie gesorgt und sein regelmäßiges Auftauchen bei der 2. Mannschaft zeigt irgendwie ein gewisses Kameradschaftsgefühl. Alles Gute!

Jens Scharping

Stärken: Alter Hase, torgefährlich, mit dem feinen Fuss

Schwächen: Jede Dampflok ist auf den ersten 50m schneller, Muskelfaserrisse

Kaufpreis: Lässt Karriere ausklingen

Und dann war da noch…

der erneut verschobene Stadionneubau. Gut sah es aus, das ungefähr 100ste Luftschloss. Irgendwie bleibt für mich im Dunkeln warum es diesmal nicht geklappt hat. Wenn die Finanzierung wirklich insoweit gesichert gewesen ist, dass der Verein nur 800.000 Miete pro Jahr hätte aufbringen müssen, dann weiss ich nicht, wo dran es gescheitert ist. Denn in ungefähr jeder JHV wird uns erzählt, dass das Millerntor pro Saison doch mindestens 500.000 an Renovierungskosten verschlingt. Und wenn die Lücke wirklich nur 300.000 gewesen wäre, dann wäre das eine Summe gewesen, die durch bessere Vermarktungsmöglichkeiten eventuell zu erzielen gewesen wäre. Wo war also der Haken? Wir wissen es nicht und werden es vielleicht nie erfahren. Die kleine Variante klingt nun auch ganz verlockend, aber auch hier werden Kosten im Millionenbereich anfallen von denen ich nicht weiss wie diese erwirtschaftet werden sollen.

die Diskussion über die „No-go-Areas“. Vielleicht sollten endlich mal alle Politiker sich darüber im klaren sein, dass es eben Bereiche in Deutschland gibt, wo man als „Andersaussehender“ nicht hingehen sollte. Da hilft alle Verharmlosung und Relativierung nichts und es ist auch eher schädlich für das Ansehen Deutschlands, dass es verharmlost wird, als dass man mit dem Problem offen umgeht. Was mich dabei nur stört ist, dass das ganze immer auf den Osten reduziert wird. Natürlich ist das Problem dort an einigen Stellen offensichtlicher, aber an bestimmten Orten in z.B. Neumünster oder Lübeck würde man als anders aussehender Mensch auch Gefahr laufen, einen auf die Nase zu bekommen.

… der versprochene offene Brief (lang aber lesenswert): (ob es dazu eine Reaktion gegeben hat, entzieht sich meiner Kenntnis)

Persönlicher Brief an Raimond Aumann. 19.05.06

Servus Raimond,

in den letzten Wochen habe ich so manches Mal darüber nachgedacht, wer eigentlich mit dafür verantwortlich ist, dass mein FC Bayern in vielen Punkten nicht mehr der Verein ist, dem seit nunmehr 30 Jahren mein Herz gehört.

Klar liegt es auch an einigen Entscheidungen in unserer Führung. Da trägt man als Fan nicht immer alles mit, aber das ist auch normal. Dem Nachbarn allerdings derart unter die Arme zu greifen, stößt dann auch bei mir, einem sicherlich wirtschaftlich denkenden Menschen, auf Unverständnis, nein, auch auf Zorn.

Aber das, Raimond, das ist es nicht. Das sind Entwicklungen, die einem echten Roten nicht gefallen können, aber über die man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein kann. Über was man meiner Meinung nach nicht diskutieren kann, ist Deine indiskutable Art und Weise, wie Du unserer Fanszene als Fanbeauftragter vorstehst. Ja, eigentlich solltest Du ihr vorstehen, ihr zur Seite stehen. Aber Du siehst Deine Aufgabe anscheinend eher im Zerstören eben unserer roten Fankultur. Einer Fankultur, von der auch Du jahrelang profitiertest.

Du erinnerst Dich?

07.12.1988 vor 75.000 in Mailand. Das war Dein San Siro-Abend! Wir hatten im UEFA-Cup das Hinspiel in München 0:2 verloren und reisten „nur so“ zum Rückspiel zu Inter. Ich habe die erste Hälfte, nein, das ganze Spiel, im Stadion wie in Trance erlebt. Wir führten plötzlich 3:0, und es war noch nicht einmal Pause. Dann das 1:3 für Inter – Pause. Wir waren immer noch weiter, aber wir wussten, es würde ein Feuerwerk entbrennen. Das war ja noch harmlos, gegen das, was dann auf unser Tor zurollte. Bis heute eine der besten Leistungen, die ich je von einem Torhüter erlebt und gesehen habe. Unser Balu halt. Ebenso wie unsere Party anschließend hinterm Tor... Mit den alten SK’73ern, den Jungs vom Niederrhein, den Ulmern, den Adlern aus Bretten usw.

Du erinnerst Dich?

18.04.1990 vor 72.000 in unserem Oly in München. 0:1 hatten wir das Hinspiel beim AC Milan verloren. Im Rückspiel kochte das Rund. Thomas’ 1:0 und Deine unzähligen Glanztaten brachten uns in die Verlängerung. Es langte zwar letztendlich nicht, aber wie stolz wurdest Du anschließend von der SK trotz des Ausscheidens gefeiert, während die Haupttribüne schon leer war...

Du erinnerst Dich?

24.04.1991 vor 80.000 in Belgrad. Halbfinale EC 1. Wir hatten daheim unglücklich 1:2 verloren und lagen auch dort prompt 0:1 hinten. Wir waren raus. Doch plötzlich führten wir 2:1 und waren die klar bessere Mannschaft. Ein Pfostenabpraller, der so unglücklich an Roland vorbeirutschte ließ schon nichts gutes erahnen und dann die 89. Minute. Eine harmlose Kopfballrückgabe wolltest Du locker über die Latte lenken, verschätztest Dich und patschtest den Ball förmlich ins eigene Tor. Die Enttäuschung hast Du sicher heute noch irgendwo tief in Dir drin. Die Medien lachten Dich aus, und wer baute Dich wieder auf? Noch in der Hölle von Belgrad... Waren es damals nicht wir, Deine Bayernfans...?

Du erinnerst Dich?

An Deinen Kreuzbandriss 1991? In unserer „Horror-Saison“. Was haben die Fans damals hinter Dir gestanden. Hast Du all das vergessen?

Seit damals hat sich vieles verändert. Auch in unserer Fanszene. Ich selber bin von vielen Entwicklungen kein Freund, weil ich weder diesen neumodischen Fanstyle brauche, noch ein 5-Gänge-Menue während der Halbzeitpause. Aber vieles ändert sich nun mal, und damit muss und kann man auch leben.

Dann kam 2003. Und damit eine neue ungeheuerliche Vorgehensweise in unserem Rechtsstaat. Menschen wurden einfach so im Vorbeigehen in Sippenhaft genommen und nur aufgrund von Verdachtsmomenten nach dem Gießkannenprinzip verurteilt. Hast Du eigentlich auch nur annähernd eine Ahnung davon, was das damals in viele von uns für Wunden gerissen hat? Hast Du auch nur den Hauch von einem Gefühl, was das damals in uns zerstört hat? Nein, das hast Du nicht. Ich will Dir nicht absprechen, dass Dir der FC Bayern nicht auch am Herzen liegt. Aber so eine tiefe Liebe wie bei uns kann es nicht sein, sonst hättest Du das damals alles nicht geschehen lassen. Schau Dir doch das Ergebnis letztendlich an. War es das wert? Die Drohungen gegen Dich waren unentschuldbar, und solche Leute gehörten hart bestraft, damit wir uns auch da ganz klar verstehen. Aber diese Kollektivbestrafung damals, war das Ungeheuerlichste, was es bis dato gegeben hat. Du hast dabei ganz einfach einen ganz schlechten Job gemacht.

Und an dem Tag bist Du zum Gegner vieler Fußballfans des FC Bayern München geworden. Und das auch zu Recht! Es hätten von vornherein die Handvoll Menschen bestraft werden müssen, die etwas Unrechtes getan haben, aber Du holtest die Gießkanne hervor und vergiftetest eine ganze Fußballszene. Schau es Dir doch an. Schau Dir doch unsere SK an. Seit diesem Tag haben wir uns niemals mehr richtig gefunden. Laufend gibt es nur noch Diskussionen und Grabenkämpfe. Dich muss das ja freuen, bist Du doch anscheinend an einer stimmungsvollen und harmonischen Fankurve nicht interessiert. Aber vielen von uns lässt es das Herz bluten. Weißt Du, was das für ein Gefühl ist, wenn einem das Herz blutet und Du weißt, dass irgendwann kein Tropfen mehr da sein wird, der es wieder zum Schlagen bringen kann? Kannst Du Dir das auch nur im entferntesten vorstellen, Raimond? Nein, das kannst Du sicher nicht, denn dann hättest Du all das nicht zugelassen. Wie alles ausging und ein Kompromiss gefunden wurde, der Dir nicht schmeckte und uns auch nicht, ist allen bekannt.

Der Uli, der hat damals nach dem ersten Spiel der neuen Saison sofort erkannt, dass das Tischtuch zwischen Dir und dem ganz treuen Kern unserer Fanszene zerschnitten ist. Dann kam ja auch der Andi als Bindeglied. Aber auch das wird Dir nicht geschmeckt haben. Das hast Du uns bis heute nicht verziehen und siehst es als eine persönliche Niederlage an. Du hast nie verstanden, worum es uns gegangen ist.

Weißt Du, ich glaube, man kann auch nur ein guter Fanbeauftragter werden, wenn man spürt, wie die Leute „draußen“ fühlen. Der Andi hat das natürlich mehr im Blut als jeder andere von uns. Ich hatte damals Tränen in den Augen, als er den Posten bekam. Ehrlich. Zu verrückt schön war die alte Zeit. Solche Typen, die Dir morgens in München in der Innenstadt mit 2 geschmierten Semmeln begegnen und sagen, dass sie jetzt nach Cork zum Europacupspiel reisen, die leben unseren FC Bayern. Aber das müssen wir nicht ausführen, das wissen wir alle. Meine Freundin hat mich früher, wenn wir ihn zufällig in der Stadt trafen, immer zur Seite in eine Gasse gezogen, weil sie fürchtete, dass ich sonst spontan mal wieder zu irgendeinem Dorfkick gefahren wäre. War das eine schöne Zeit...

Dieses Gefühl trägst Du eben nicht in Dir. Das mache ich Dir auch nicht zum Vorwurf. Ich mache Dir jedoch zum Vorwurf, dass Du niemals ernsthaft versucht hast, die Menschen zu verstehen, die eben dieses Gefühl tief in sich tragen. Das war nie Dein Anliegen, ist es heute nicht und wird es auch niemals werden. Schade eigentlich, aber so ist es. Du bist kein Fanbeauftragter. Weißt Du, an welches Bild sich alle Fans erinnern werden, wenn Du eines Tages nicht mehr dieses Amt inne haben wirst? Wie Du immer mit unserem Tennis-Boris im Eingang zur Haupttribüne gestanden hast. Das ist das Bild, an welches sich unsere Fans dann erinnern werden. Ist das die richtige Erinnerung an einen Fanbeauftragten eines der größten europäischen Fussballclubs? Nein. Aber Du bist auch kein Fanbeauftragter, Du bist für mich ein Logenwart, und eigentlich würdest Du das auch viel lieber sein.

Schau Dir unsere deutsche Fussball-Fanszene 2006 an. Der Kommerz hat uns ein- und überholt. Gut, ich bin nicht weltfremd und weiß selber nur zu gut, dass man sich nicht gegen alles wehren kann. Aber alles ist dann eben auch längst noch nicht notwendig. Wir geben unsere Identität auf, Raimond. Wir werden dazu gezwungen. Stück für Stück. Unaufhaltsam. Erinnere Dich an Deine Zeit. Sind all diese Dinge heute noch möglich und gibt es dabei nicht auch das eine oder andere Erlebnis, welches Du heute gerne noch einmal erleben würdest?

Ich bin fast 20 Jahre mit dem FC Bayern durch die Länder gereist, habe vor vielen Jahren einen Fanclub gegründet, von dem heute viele so denken, wie ich. Wenn Du im Büro vor der Wandtafel mit den Fähnchen stehst, wenn es die heute noch gibt, dann schaue auf die Insel kurz vor Dänemark. Nimm die Fahne und wirf sie bitte in den Müll. Wir gehören nicht mehr dazu. 30. bis 40.000 km alleine nur für die Bundesliga. Jahr für Jahr wohlgemerkt. Und dann kam noch irgendwann der Kult mit dem Groundhoppen und den EC-Spielen dazu. Wir und viele in der Bayernszene, haben alles für den Club gegeben. Alles. Und wir haben es gerne getan. Es war uns immer klar, dass der Verein uns niemals so lieben würde, wie wir ihn lieben. Alles was wir wollten, war, dass man uns respektiert! Mehr nicht. Diesen Respekt hast Du uns nie entgegengebracht. Aber den hätten wir alle verdient gehabt, Raimond! Warum konntest Du nicht wenigstens das tun? Uns respektieren. Warum hast Du den Lauf der Zeit, in der Kunden wichtiger werden als Fans, nicht wenigstens versucht, zu verlangsamen, sondern eher noch forciert? Ich werde das nie verstehen.

Wir leben jetzt in einer Zeit, in der die Fußballfans, so, wie ich sie noch kenne und von denen ich hier rede, nicht mehr erwünscht sind. In dem einen Club mehr, in dem anderen weniger, aber der Lauf ist nicht aufzuhalten. Dazu trägt natürlich auch unsere WM bei. Wenn man nur allein die prozentuale Verteilung der Tickets sieht, weiß man, auf was das hinaus läuft. Wenn das allerdings zur Folge hat, dass Menschen, die augenscheinlich bei einer solchen Veranstaltung nicht erwünscht sind, derart behandelt werden, wie es derzeit in Deutschland in Sachen Stadionverboten der Fall ist, dann ist das in einem Rechtsstaat wie dem Unseren eigentlich kriminell. Ja, es ist kriminell. Hier werden Menschen nur aufgrund von Verdachtsmomenten für Vorfälle bestraft, an welchen sie nachweislich nicht beteiligt waren. Sag mal, wo leben wir hier eigentlich? Das ist natürlich nicht Deine Schuld, aber ich glaube auch nicht, dass Du etwas ernsthaft und ehrlich dagegen einzuwenden hast.

Duisburg, das ist Deine Aufgabe, auch deswegen haben wir Dich. Was dort abgelaufen ist, und wie es anschließend vollzogen wurde, ist beschämend. Du hast Dich für die Fans einzusetzen, die hier unschuldig bestraft werden. Du hast die Macht und für mich auch die Pflicht, das zu verhindern. Aber Du willst es nicht, schickst gar noch die Vereinsausschlüsse hinterher und das macht Dich zu der o.g. Person. Denn Du hast 2003 niemals vergessen. Das nimmst Du bis heute persönlich. Die für Dich persönliche Niederlage gegen eine Fanszene, die sich eben nicht alles hat gefallen lassen. Es ist erschreckend, wie Du zu den Fans stehst, die den Verein mit zu dem gemacht haben, was er heute ist. Es gibt genügend Baustellen, in denen Du versagst.

Der aktuellen Berichterstattung in der Presse wäre noch vieles hinzuzufügen.

Du gehörst weg von diesem Posten. Wenn Du nur noch ein wenig Ehrgefühl im Leib hast und Dir die Fans, die auch Dich zu dem gemacht haben, was Du, zumindest in Deiner Laufbahn als Sportler, warst, auch nur ansatzweise etwas bedeuten, dann gibst Du dieses Amt auf. Du hast mit Deiner Einstellung auf diesem Stuhl nichts mehr verloren. Aber wahrscheinlich wirst Du auch das nicht verstehen und auch nicht nachvollziehen können, warum ein Fan, der für diesen Verein gelebt hat, plötzlich alles hinwirft und nach fast 2 Jahrzehnten und einer Mitgliedsnummer deutlich unter 10.000, aus seinem Verein austritt.

Willst Du wissen warum? Weil ich eben nicht eines Tages aus meinem Verein geworfen werden möchte, nur weil ich einfach nur zur falschen Zeit an einem falschen Ort war, mir nichts vorzuwerfen habe, aber mein Fanbeauftragter zu faul war, mir gegen ein System beizustehen, welches vor Ungerechtigkeit nur so zum Himmel stinkt. Dann gehe ich lieber selber. Diese Entscheidung sollst nicht irgendwann Du oder ein anderer für mich treffen.

Wie schwer mir dieser Schritt gefallen ist, wirst Du niemals verstehen und das möchte ich auch gar nicht. Viele werden es verstehen. Viele von denen, deren Wunden seit 2003 schon bluten und auch viele von denen, die es vielleicht erst heute merken, in welche Kategorie wir bei Dir und leider nicht nur bei Dir, gerutscht sind. Vielleicht werden wir in einer ähnlichen Kategorie geführt, in die ich Dich jetzt ganz für mich persönlich gesteckt habe.

Eine Persona non grata.

Du hast mir mal vor vielen Jahren, als ich als Jungendlicher ein Autogramm von Dir wollte und Dich fragte, ob Du von meiner Brez’n abbeißen möchtest, gesagt, ich dürfe Dich gerne „Duzen“. Dieses „Du“ möchte ich Dir heute gerne zurückgeben. Warum? Weil Sie mir mit das w