Norbert regt sich auf vom 16.10.2006 (!!!!)

 

über

Ein (Alp-) Traum

Präskriptum

Eigentlich wollte ich mir heute frei nehmen und ich weiss auch, warum. Wenn man am Wochenende nichts anderes vor hat als sich um seinen Verein zu kümmern ist man ziemlich müde am Montag. Und das wollte ich meinem Arbeitgeber eigentlich ersparen. Nur leider war mein Vertreter schneller, so dass ich heute doch zur Arbeit musste. Wer auf den JHV-Bericht wartet, der muss sich etwas gedulden. Ich habe über 50 Seiten handschriftlich mitgeschrieben (wenn auch in einer sehr grossen Handschrift) und es dauert, bis ich die übertragen, kommentiert und ausgewertet habe. Und da geht bei mir immer noch Gründlichkeit vor Schnelligkeit

Ein Traum

Damit wir in der zeitlichen Reihenfolge des Wochenendes bleiben, fang ich jetzt mal mit der 2. Mannschaft an.

Diese spielte in Neumünster. Da das Spiel sehr kurzfristig umgelegt wurde und in Hamburg auch noch die Neonazis aufmarschierten machte sich nur ein kleiner Teil der Amateurfangemeinde auf den Weg nach Neumünster. U.a. wir mit 8 Leuten als H. Geburtstagstour.

Ich holte also um 11 Uhr erstmal den angemieteten 9er Bus in Wandsbek ab, wo bereits an ungefähr jeder Ecke Polizei stand. Dankenswerterweise kam unser Übernachtungsgast HoTo mit und wir wurden von Knuffi zum Autovermieter gefahren. Knuffi nahm dann den Wagen wieder mit, bekam noch den Tip „Fahr im Notfall ein paar Nazis über den Haufen“ mit auf den Weg und wir holten den Wagen ab. Dieser war dann extra für uns „spezialgereinigt“ worden, weil sich der Vorbesitzer „daneben“ benommen hatte. Sprich: Das Teil stank so stark nach Terpentin, dass man voll den Flash bekam. Wenn in dem Fahrzeug sich irgendjemand irgendwas angezündet hätte, dann wären wir wahrscheinlich explodiert.

Am Klubheim sammelten wir die restlichen Mitfahrer auf. Dort wimmelte es nur so von Schalkern, da gerade der Fanclub „Deutsches Eck“ aus Koblenz unser Klubheim und unseren Fanshop ein bisschen reicher machten. Ich persönlich kann ja nun so gar nix mit Schalke anfangen, aber wenn die uns noch Umsatz bescheren ist das natürlich sehr gut.

Irgendwann kam dann auch das Geburtstagskind an und konnte Spezialwunderkerzen mit ihrem Namen und ihrem Alter bewundern. Grosse Freude, nur der Prosecco führte zu einem kurzen Schlucken, hatte man doch bereits reingefeiert und dies mit „St. Pauli Sekt“ im Jolly. (SMS Zitat: „Woher kam eigentlich der ganze Sekt?“) Insgesamt hatte die geniale 80er Jahre Fete am Freitag ein bisschen Spuren bei den Mitfahrern hinterlassen. Wer vier Stunden geschlafen hatte war eigentlich schon ausgeschlafen. Ansonsten pendelte man so zwischen gar nicht geschlafen und zwei Stunden geschlafen.

Abfahrt. Durch eine ganze Masse Lokalrivalenfans begab man sich zur Autobahn. Leider war diese komplett voll, so dass wir irgendwann die Nerven verloren, Bad Bramstedt abfuhren und uns über die Landstrasse durchschlugen. Leider mit ein paar Umwegen, so dass wir erst sehr spät in Neumünster ankamen. Dort konnten wir den Platz aber aufgrund von Erkenntnissen des letzten Jahres („immer in Richtung Tierpark fahren“) sehr schnell finden und waren ca. 15 Minuten vor Anpfiff am Stadion. In diesem Moment schwankten wir noch, ob wir nun eigentlich in den Gästeblock gehen sollten oder uns lieber auf die Gegengrade stellen sollten. Zwar ist der Gästeblock absolut uneinladend und mit einem Dixiklo für alle auch nicht gerade gut bestückt, aber die Solidarität zu zwei bereits im Gästeblock stehenden St. Paulianern brachte uns dann doch in den Gästeblock.

Für handgezählte 23 Leute im Gästeblock waren dann nebenbei ca. 200 Polizisten vor Ort. Davon fuhr die Hälfte jedoch schon zur Halbzeit wieder, nachdem man wohl gemerkt hat, dass hier heute aber nun wirklich gar nix geht. Potential für irgendwelche wie auch immer geartete Randale war auf beiden Seiten nicht vorhanden. Was eigentlich bei einer zeitgleich stattfindenden Nazidemo und einem zeitgleich stattfindenden Lokalrivalenspiel (wobei letzteres wahrscheinlich weniger potentielle Gewalttäter abhält) vollkommen klar war.

Die Imbissbude im Gästeblock war dann aber richtig kult. Der Typ war ohne eine Preisliste und ohne Wechselgeld losgeschickt worden, so dass die Preise reine Verhandlungssache waren und immer grosszügig auf einen passenden Betrag abgerundet wurden. Irgendwann kam dann die Kollegin, die nicht nur die Preise wusste, sondern auch noch mehr Würstchen auf den Ofen warf, als insgesamt Leute im Gästeblock waren. Und das zu einem Zeitpunkt, als der gesamte Block sich schon an den Pommes gütlich getan hatte.

Nun Support fand nicht wirklich statt, es war eher launiges Chillen mit Fussballunterhaltung angesagt. Die leichte Übermüdung aller Teilnehmer führte zu leichten Wahrnehmungsstörungen und u.a. in der 30. Minute zu der Frage „Sagt mal, war eigentlich schon Halbzeit?“. Dazu führte aber auch ein Schiedsrichter, der mehrfach doppelt pfiff, wenn er eigentlich Freistoss anzeigen wollte. Hinzu kam noch, dass von einem Nebenplatz lauter türkischer Pop drang, weil da wohl eine örtliche türkisch dominierte Mannschaft ihr Heimspiel austrug. Nix gegen diese Musik, aber a. guck ich Fussballspiele immer noch gerne ohne Musikuntermalung und b. ist das so gar nicht meine Kanne Musik.

Das Spiel? Ein Traum! Kämpferisch wirklich gut, Neumünster zwar feldüberlegen, aber bereits vor dem Siegtor waren unsere Helden immer wieder mit gefährlichen Kontern unterwegs. Aus einer absolut geschlossenen Mannschaftsleistung stach Matte Hinzmann heraus, der da den Abräumer und Kämpfer vor dem Herren mimte. Herr Bergmann, vielleicht doch jemand für die Regio? In der Form und mit dem Kampfgeist allemal.

In der zweiten Halbzeit hatte ich dann über die Cordiverbindungen im Innenraum Platz genommen, knipste vor mich hin und amüsierte mich köstlich über Spieler, die nach einer Blutgrätsche trocken meinen „Ich hab ihn doch gar nicht berührt“ und Schiedsrichter, die Ball-wütend-auf-den-Boden-werfen mit Gelb bestrafen und dabei noch den Kommentar „Das ist ja kein Prellball hier“ abgeben.

Gewonnen! Kurz im Stadion gefeiert und dann den Weg zu Abdul Yilmaz Dönerladen beschrieben bekommen. Der Traum an diesem Tag war auch, dass der Torschütze für uns in Neumünster wohnt, dort zusammen mit seinem Bruder einen Dönerschuppen betreibt und so einer kleinen Siegesfeier inklusive Mannschaft nix im Wege stand.

Der Laden wurde nach einem kurzen Kurven durch den Stadtwald und die Stadt gefunden (wobei wir erst beim falschen Dönerladen fragten, was dort zu ein bisschen Verwunderung führte). Der Döner? Ein Traum! Solltet ihr also aus Neumünster stammen oder dort zu tun haben. Wasbeker Strasse, Ada Döner. Absolut lecker!

Ein Traum natürlich auch, dass dann irgendwann der Mannschaftsbus kam, die Mannschaft mit La Ola empfangen wurde, uns acht Verrückten die Hand gab und später dann noch für unser Geburtstagskind unter Dirigentenschaft von Hermann Klauck gesungen hat, der wortwörtlich sagte: „Die Dame ist gerade volljährig geworden“. Grossartig. Einfach nur grossartig.

Die Rückfahrt wurde dann auch ein Traum, weil wir Bahrenfeld von der Autobahn abfuhren und uns ganz viele Lokalrivalenfans entgegen kamen, die irgendwie nicht gut gelaunt waren. Wir – als St. Pauli nicht zu erkennen – wollten uns ja schon an irgendeine Raststätte stellen und jeden Lokalrivalenfan fragen, wie sie denn gespielt hätten, um dann zu sagen „Das ist aber schade…“. Wir haben uns dann aber lieber nicht in deren Unglück gesuhlt. Trotzdem gab es noch zwei sehr spannende Beobachtungen. Zum einen hat der Lokalrivale einen Kleinbus, der für die Arbeit mit den Kindern verwendet wird. Dieser ist sehr niedlich mit dem Maskottchen (Dino) bemalt. Nur leider hält dieser – etwas unpassend – vorne eine rote Karte in die Luft. Zum anderen zeigte ein Schalker noch seinen blanken Arsch aus dem Busfenster. Kein schöner Anblick und man kann immer wieder nur feststellen, dass so etwas natürlich nur Typen machen, die schlank sind und einen unbehaarten Po haben ;-) (oder eben gerade nicht).

In Wandsbek konnte unser Terpentinbus dann wieder zurückgegeben werden, wobei Wandsbek glücklicherweise schon von Nazis gesäubert war. So ging es nach Hause, den Terpentinrausch ausschlafen. Ein Traum

Vielleicht noch ein Wort zu der Situation der 2. Mannschaft. Einige Schlaumeier hatten ja schon den Kopf des Trainers gefordert und auch ich hatte arge Zweifel, dass der Abstiegskampf gut ausgeht. Aber nun hat die Truppe gezeigt, dass Sie sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen kann und ist wirklich kämpferisch gereift. Zwar gibt es immer noch Mängel (ich sag nur 2 Tore in Henstedt in den letzten 5 Minuten), aber die Jungs kämpfen und ackern wirklich und haben sich die 7 Punkte in den letzten drei Spielen redlich verdient. Nach dem 1-7 in Wolfsburg hatte ich das ihnen nicht zugetraut.

Ein Alptraum

Sonntag morgen ging es dann früh aus den Federn, wollte man doch dem Fanladen helfen, Geld für seinen neuen Kleinbus zu bekommen (zur Erläuterung vielleicht folgendes: Der alte Bus ist hinüber, fährt zwar noch, schluckt aber langsam mehr Öl als Benzin und ist eigentlich ständig in der Reparatur. Da wird ein neuer auf Dauer billiger). HoTo erläuterte morgens erstmal ihre Definition von „hektisch“ („Wenn man ohne Kaffee ins Bad muss“) und dann konnten wir uns doch auf den Weg machen. Die beiden Damen mussten erstmal meine – wiedergefundene – „Bauhaus“-CD über sich ergehen lassen, aber das haben sie tapfer durchgestanden, so dass wir kurz nach elf in unserem heimlichen Wohnzimmer (Fanladen) ankamen.

Also ich fang jetzt mal an, was ihr so machen könnt, wenn ihr dem Fanladen helfen wollt. Punkt 1: Ihr geht hin, drückt der Person hinterm Tresen einen Geldbetrag in die Hand und sagt laut und deutlich: „Das ist für den neuen Bus“. 2. Ihr geht in den Fanladen und kauft die tollen Pins für 1,50. Darauf ist einfach das Zeichen des Fanladens. Sehr hübsch geworden und der Erlös geht an den Fanladen. 3. Ihr besucht diverse Konzerte und kauft eure Karte dafür im Fanladen (Details hab ich da nicht behalten). 4. Ihr kommt mit nach Dresden. 5. Ihr guckt hier auf unsere Hauptseite, seht die dort angegebene Kontonummer, nehmt einen Überweisungsträger und überweist da Geld drauf. 6. Ihr kommt nächsten Sonntag zur Schanze, guckt euch St. Pauli II – Holzbein Kiel II an und kauft die Stadionzeitung („Der Amateur“) und spendet vielleicht einen Euro. Die Erlöse gehen nämlich abzüglich der Druckkosten auch an den Fanladen. 7. Ihr kommt auf andere kreative Ideen. Es müssen insgesamt 15.000 Euro zusammen kommen, was ganz schön Holz ist.

Erstmal wurde aber der Imbiss um die Ecke (sozusagen unsere Küche) supportet und dann machte man sich auf in Richtung Stadion (Aber nicht ohne Paulchen und seine Frau, wobei Paulchen meinte, sie käme in 20 Sekunden wir dann begannen runterzuzählen und sie wirklich bei 1 aus der Tür kam). Mit einem Eimer ausgerüstet wurde dann geklimpert und geklappert, bis man doch ganz ordentlich Geld zusammen hatte. Toll finde ich irgendwelche Jugendlichen, die einem wirklich ihr ganzes Kleingeld geben oder ältere Herren, die kommentarlos einen 10 Euro-Schein in die Dose werfen. Auch wirklich aktive Leute spenden dann noch und noch mal, obwohl sie sowieso schon alles für den Fanladen machen. Schade, dass doch noch viele vorbei gehen, aber insgesamt war es sehr positiv.

Irgendwann galt es dann auf meinen Platz zu kommen, wo ich spät, aber nicht zu spät ankam. Den Lokalrivalenfans hatten nicht wirklich irgendwelche Supportsachen mit, ich weiss aber nicht, wie die Verbotssituation war. Immerhin blieb es das ganze Spiel im Gästeblock „ruhig“ (supportet haben die schon) und es bleibt zu hoffen, dass sich das Ganze immer weiter in eine rein sportliche und supporttechnische Veranstaltung ohne illegale Sachen entwickelt. Und vielleicht nächstes Jahr auch wieder Zaunfahnen etc. bei den Gästen erlaubt sind. Denn so ein „nackter“ Gästeblock lässt überhaupt keine Fussballstimmung aufkommen.

Immerhin durften sie wohl Tapeten mit reinbringen, wobei die „P. (optown???) schlägt zurück“-Tapete ja ganz gelungen war (unterschreiben die auch die politischen Forderungen wie „Kein Hotel“?), die Halbzeittapete jedoch irgendwie absolut nicht lesbar war. Hier wäre ein Volkshochschulkurs „Wie halte ich eine Tapete richtig hoch“ echt mal dringend erforderlich (ein Dank nach Bremen für diesen Spruch). Da wird sich soviel Mühe gegeben und man kann nix davon lesen. Details dann in der Fotoserie.

Mühe geben ist das richtige Stichwort, denn auf braun-weisser Seite war eine Urwald entstanden, der einfach hammermäßig genial aussah. Und „Welcome to the Jungle“ war ein richtig schönes Motto. Und die kleine Spitze, dass man den Affen mit Lokalrivalenraute ausgestattet hatte, hatte auch schon wieder was. So einfach, dass man sich schon beinah fragt, warum vorher keiner drauf gekommen ist.

Zum Spiel: Ein Alptraum. Einfach langweilig. Der Lokalrivale spielte nach dem Prinzip „Hinten zu elft und vorne der liebe Gott“ und unsere braun-weissen liessen eine sehr wichtige Sache zu Hause: Die Einstellung. Liebe Spieler, da kann ich noch so sehr gegen den Trainer spielen und noch so sehr falsch trainiert werden, aber wenn ich in einem solchen Spiel nicht brenne und Schaum vor dem Mund habe, dann habe ich meinen Beruf verfehlt. Dieser Lokalrivale war definitiv schlagbar. Natürlich kann man sagen, dass das Spiel anders ausgegangen wäre, wenn Dinzey nicht einmal Pech und einmal Unvermögen gehabt hätte, aber insgesamt war unser Spiel viel zu statisch, viel zu langsam, viel zu wenig mit Energie und Kraft geführt. Ausnahme vielleicht Takyi, der immerhin mal was versuchte, und Bruns nach seiner Einwechselung. Insbesondere Meggle muss sich fragen, ob er es sich nicht lieber auf dem Sofa hätte bequem machen sollen. Diese Vorstellung war einfach armselig. Und dass er es kann, hat er gegen Bayern bewiesen. Aber warum nur dort? Warum nicht auch in einem Derby? Ich kann mich noch an Carsten Pröpper erinnern. Der wäre in so einem Spiel heiss gelaufen, selbst wenn er vorher nur Mist gespielt hätte. Aber heiss war auf dem Platz keiner.

So liess auch die Stimmung auf den Rängen arg zu wünschen übrig. USP mühte sich, der Rest langweilte sich. Irgendetwas wie Spannung oder Emotionen wollte weder bei St. Pauli noch beim Lokalrivalen aufkommen.

Nach 90 Minuten war das Elend vorbei und ich finde es nun vollkommen richtig, wenn einige Herren in Kiel zu Hause bleiben würden. Insbesondere Hr. Meggle sollte sich hier deutlichst angesprochen fühlen.

Nach dem Spiel noch kurz ins Jolly und dann bloss ab nach Hause.

Folgende Randnotizen gibt es noch zu erzählen:

1. Rainer (oder Reiner; ich kann mir das nie merken) Wulff ist seit 20 Jahren Stadionsprecher am Millerntor. Zwar gibt es immer wieder Kritikpunkte an ihm (insbesondere das Erkennen von ein- und ausgewechselten Spielern ist in letzter Zeit eine echte Katastrophe), aber insgesamt ist mir seine ruhige, sachliche, freundliche und altmodische Art sehr ans Herz gewachsen und ich will hoffen, dass er auch noch weitere 20 Jahre bei uns den Stadionsprecherdienst macht. Einen neumodischen „Bitte – Danke“-Brüller oder ein „Wo ist die Nordkurve?“-Brüller bleibt uns hoffentlich auf Dauer erspart.

2. Sowohl Christian Bönig als auch Holger Stanislawski liefen mit „Wir lassen uns das dagegen sein nicht verbieten“-Shirts mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz auf dem Platz rum und gaben so wohl auch Interviews. Dazu kurz und knackig folgendes: Sauber! Ob die SKBs nun gegen die beiden ein Verfahren einleiten? Die dazugehörige Rechtsprechung ist aber auch so ein gepflegter Dünnsinn, dass man wirklich nur weinen kann.

So und n